Bahnhof Lichtenberg : Eine Rose am Tatort

Im Bahnhof Lichtenberg gibt es überall Kameras. Unwohl fühlen sich trotzdem sehr viele Fahrgäste.

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Nahe dem Tatort. Am Bahnhof Lichtenberg kreuzen sich U-, S- und Fernbahn. Foto: promo
Nahe dem Tatort. Am Bahnhof Lichtenberg kreuzen sich U-, S- und Fernbahn. Foto: promo

Der Eingang ist kaum beleuchtet, die dunkelbraun gekachelten Wände verströmen eine trostlose Atmosphäre. Die meisten Passanten scheinen es eilig zu haben, nach unten zur U-Bahn zu kommen oder nach draußen ans Tageslicht. Der Bahnhof Lichtenberg ist kein Ort, an dem man es sich gemütlich machen könnte. Hier haben in der Nacht von Freitag auf Sonnabend vier Jugendliche einen 30-Jährigen ins Koma geprügelt, beobachtet von mehreren Passanten. Keiner half. Nur ein einziger wählte mit seinem Handy den Notruf.

„Hier gibt es schon oft Konflikte“, sagt Margarete R. Seit drei Jahren hat die 62-Jährige hier ihren Arbeitsplatz, von fünf Uhr morgens bis zum frühen Nachmittag verkauft sie im Zwischengeschoss Kaffee und Brötchen. „Die Klientel hier ist bunt gemischt“, sagt die Frau. Es gebe arme und reiche Leute im Viertel, alte und junge, viele Nationalitäten. Da das Zwischengeschoss rund um die Uhr geöffnet sei – der Tunnel dient gleichzeitig als Unterführung – übernachteten dort häufig Obdachlose. Ihr selbst sei schon die Kasse geklaut worden, erzählt die Verkäuferin, und immer wieder pöbelten am frühen Morgen Betrunkene. Manchmal sei ihr mulmig, aber große Angst habe sie nicht. „Es ist beruhigend zu wissen, dass hier überall Kameras hängen“, sagt Margarete R.

Im U-Bahnhof Lichtenberg hängt an beiden Enden der Gleise eine Kamera, auch im Zwischengeschoss erkennt man die runden Linsen an der Decke. Sie dienen streng genommen nicht der Überwachung – denn es gibt keine Zentrale, in der die Bilder live kontrolliert werden. „Wir nehmen das Geschehen nur auf“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Alle 173 Berliner U-Bahnhöfe und etwa zwei Drittel aller U-Bahn-Wagen seien mit Kameras ausgestattet, mehr als 1000 seien im Einsatz. Zudem seien fast alle Busse und etwa ein Viertel der Straßenbahn mit der Technik ausgerüstet, die nach und nach weiter ausgebaut werde.

24 Stunden lang werden die Daten gespeichert, dann überschreibt das Gerät die Aufnahmen automatisch – ohne dass sie zuvor jemand gesehen hat. So gibt es das Landesdatenschutzgesetz vor. Nur wenn Staatsanwaltschaft und Polizei die BVG um Übermittlung der Aufnahmen bittet, dürfen diese ausgewertet werden. Nach Angaben der Senatsinnenverwaltung sichtete die Polizei im vergangenen Jahr zirka 3000 solcher Datensätze, in 440 Fällen ergaben sich dadurch Hinweise auf Täter. Zum Vergleich: Laut Kriminalstatistik 2009 – die Statistik für 2010 liegt noch nicht vor – passierten 2009 insgesamt mehr als 31 000 Straftaten in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Außer den Kameras für die Aufzeichnung gibt es auf den Bahnsteigen noch weitere Kameras: an den Notrufsäulen. „Die schalten sich zu, wenn jemand den Alarmknopf drückt“, sagt Petra Reetz. Die Notrufzentrale sei immer besetzt, die Mitarbeiter dort könnten über diese Kamera das Geschehen live sehen. Es sei deshalb besonders bitter, dass Freitagnacht keiner den Alarm gedrückt habe. „Innerhalb von 15 Minuten hätte jemand am Gleis sein können.“

Eine der Notrufsäulen im U-Bahnhof Lichtenberg steht direkt neben der Eisensäule, hinter der der 30-Jährige bewusstlos zusammensank. Dort hat jemand eine rote Rose niedergelegt, daneben steht ein rotes Grablicht. Die Flamme ist erloschen.Barbara Kerbel

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