Bandidos vor Gericht : Polizisten sichern Rocker-Prozess

Zwei Bandidos stehen wegen Erpressung und versuchten Totschlags vor Gericht. Am Dienstag beginnt der Prozess. Beamte in schusssicheren Westen sichern das Gebäude.

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Wenn diesen Dienstag der Prozess gegen zwei Bandidos beginnt, werden Beamte in schusssicheren Westen die Gänge des Landgerichts säumen. Denn die angeklagten Nachwuchsrocker können während der Verhandlung mit Solidaritätsbesuchen aus der Rockerbruderschaft rechnen. Den beiden Männern wird Erpressung, Körperverletzung und versuchter Totschlag vorgeworfen, und ein schnelles Ende des Verfahrens ist unwahrscheinlich: Der 23-jährige Angeklagte Robin A.* hat sich zwar zu einzelnen Vorwürfen geäußert, allerdings kein Vollgeständnis abgelegt. Der 21-jährige Mitangeklagte Hagen B. hat bei Verhören – ganz nach Rockerkodex – geschwiegen. Er sitzt in Untersuchungshaft und soll dem Freund eines Erpressungsopfers in den Oberkörper gestochen haben.

Ungewöhnlich ist, dass das Erpressungsopfer nicht klein beigegeben hat, sondern sich mit einer Bandidos-Sektion anlegte, die ihr Vereinsheim in der Weißenseer Streustraße hat. Einige von ihnen glaubten, das 35-jährige Opfer Lars C. sei Dealer. Und als solchen nehmen ihn im Sommer 2010 die Angeklagten ins Visier. Unbeabsichtigt bringt eine Ex-Freundin von Lars C. die Männer auf die Spur: Denn Anja D. hat nach der Beziehung zu C. einen neuen Freund aus dem Bandidos-Umfeld, dem sie von etwaigen Geschäften ihres Ex-Freundes erzählt. Die Rocker wittern Beute. Laut Anklage wollen Robin A. und Hagen B. mit weiteren Rockern vermeintliche Drogengelder rauben: Sie drohen Lars C., ihn „abzuknallen“. Aus Angst holt dieser 20 000 Euro aus der Wohnung seiner Mutter. Der kurzfristige Erfolg weckt das langfristige Interesse der Erpresser. Sie fahren später selbst zu C.s Mutter und rauben weitere 8000 Euro.

Ungewöhnlich ist, dass Lars C. den Tätern danach nicht aus dem Weg geht. „Er hatte die Schmach offenbar nicht auf sich sitzen lassen können“, heißt es von Kennern, „und sich an seine Ex-Freundin Anja D. gewandt.“ Die ist inzwischen nicht mehr mit dem Bandido liiert und offenbar erschrocken, dass ihre Plauderei über Lars C. die Rocker zur Tat animiert hat. Er erfährt Namen und recherchiert in einem Onlineportal, wer zu der Clique gehört, die ihn erpresst hat. C. lässt sich von D. die Handynummer ihres Ex-Freundes geben und fordert von diesem das Geld zurück. Dass er den Mut aufbringt, sich mit den Rockern anzulegen, hat in Justizkreisen manchen erstaunt.

An einem Julitag lauert Lars C. mit Freunden vor der Haustür des Bandidos in Treptow. Dem wird „mulmig“, sagen Kenner. Er trommelt die Erpresserclique zusammen. In der Baumschulenstraße treffen Rächer und Rocker aufeinander. Letztere sind jedoch in der Überzahl, außerdem zückt Hagen B. der Anklage zufolge ein Messer und sticht einen Freund von Lars C. nieder. Weil die Männer ihre Handys anhaben, rekonstruieren Ermittler anhand der Funkdaten, wer sich wann wo aufhielt. Hinzu kommen Aussagen der Geschädigten. Wenige Wochen später wird das Vereinsheim in der Streustraße gestürmt. Insgesamt 230 Beamte, darunter Spezialkräfte, durchsuchen Wohnungen in Neukölln, Treptow, Hellersdorf und Friedrichshain. Sie verhaften die Angeklagten und andere Jung-Bandidos, die sich im Milieu noch beweisen wollen.

Diesen Donnerstag findet ein weiterer Bandidos-Prozess gegen drei Jugendliche wegen Bildung einer bewaffneten Gruppe statt. Um gegenüber konkurrierenden Rockern das Revier zu markieren, waren vor einem Jahr 50 Bandidos bewaffnet durch das Gesundbrunnen-Center in Wedding marschiert.

* alle Namen geändert

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