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Banküberfall in Zehlendorf : Geiselnehmer mit Worten überwältigt

22.12.2012 19:13 Uhrvon
Noch mal gut gegangen. Der neue Polizeipräsident Klaus Kandt zog nach den beiden Großeinsätzen eine positive Bilanz. Foto: dpaBild vergrößern
Noch mal gut gegangen. Der neue Polizeipräsident Klaus Kandt zog nach den beiden Großeinsätzen eine positive Bilanz. Foto: dpa - Foto: dpa

Psychologen bewegten den Geiselnehmer von Zehlendorf zum Aufgeben. Nebenbei glückte der Polizei noch ein zweiter Großeinsatz – gegen die Rocker der Hells Angels.

Für Berlins neuen Polizeipräsidenten Klaus Kandt war es die Feuertaufe: Mit der Rocker-Razzia und einer Geiselnahme hielten die Polizei am Freitag gleich zwei Großeinsätze in Atem. Wäre etwas schiefgelaufen, hätte der neue Behördenchef die Last der Verantwortung seines Amtes wohl schwer zu spüren bekommen. So aber hatte Kandt am Sonnabend die dankbare Aufgabe, die Polizei für die erfolgreiche Arbeit zu loben.


Eine Stunde nach Mitternacht ließ sich der 29-Jährige widerstandslos festnehmen , der am Freitagnachmittag die Deutsche-Bank-Filiale in Zehlendorf-Mitte überfallen und eine Geisel mehr als neun Stunden in seiner Gewalt gehalten hatte. Die angebliche Bombe, mit der er gedroht hatte, war ein Behälter mit drei Kilogramm Mehl, der in einer blauen Sporttasche steckte. Seine täuschend echt aussehende Schusswaffe, die er in der Hand hielt, war eine Luftdruckpistole: Der Mann hatte nach ersten Erkenntnissen auf einen raschen Erfolg seines Coups gehofft. Zunächst hatte er 100 000 Euro gefordert, später eine Million – und ein Fluchtfahrzeug verlangt. „Dass die Situation derart eskalieren könnte, war in seinen Planungen wohl nicht vorgesehen“, teilte die Polizei mit. Bis tief in die Nacht verhandelten psychologisch geschulte Spezialkräfte telefonisch mit dem Täter, kurz nach 1 Uhr früh ließ er  seine Geisel frei, einen 40-jährigen Bankangestellten.

Berlins neuer Polizeipräsident Klaus Kandt lud am Sonnabend zu einer Pressekonferenz und sprach von einem „professionell verlaufenen Polizeieinsatz“, der letztlich zu einer „Verhandlungslösung“ geführt habe. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU) dankten der Polizei für ihr erfolgreiches Vorgehen. Oberstaatsanwalt Jörg Raupach schloss sich dem an. Er sei beeindruckt gewesen von der „Ruhe und Gelassenheit“ der verantwortlichen Beamten. Und das umso mehr, als die Polizei bis zum späten Abend noch einen zweiten Großeinsatz zu bewältigen hatte: Wie berichtet kontrollierten etwa 500 Beamte bei einer Großrazzia ein Rockertreffen der Hells Angels in Hohenschönhausen. In Zehlendorf-Mitte waren zusätzlich rund 300 Polizisten im Einsatz.

In Zehlendorf leitete Kriminaldirektor Jochen Sindberg den Einsatz. Der fasste die Chronologie der Ereignisse am Sonnabend zusammen. Danach wohnt der Täter, der vermutlich finanzielle Probleme hatte, in Wolfsburg. „Er besuchte in der Vergangenheit aber  gerne Berlin,“ sagte Sindberg. Offenbar habe er dabei die Zehlendorfer Bankfiliale als geeigneten Ort für einen Überfall ausgekundschaftet. Den wollte er vermutlich schon einen Tag zuvor ausführen. Zu diesem Zweck sei er am Donnerstag in die Bank gekommen und habe vorgegeben, ein Konto eröffnen zu wollen. Der zuständige Mitarbeiter hatte aber keine Zeit, man vereinbarte einen Termin am Freitag nach 15 Uhr. Sindberg: „Den Täter verließ bei diesem ersten Anlauf möglicherweise der Mut. So ließ er sich auf die Verschiebung ein.“
Pünktlich zum Termin traf er sich dann am Freitag im hinteren Beratungsbereich der Bank mit dem 40-jährigen Mitarbeiter, den er später als Geisel nahm. Dort zeigte er plötzlich seine Pistole und drohte mit einer Bombe in der Sporttasche, die er angeblich mit seinem Handy zünden könne. Zugleich forderte er die 100 000 Euro. Sein Gegenüber erklärte, er müsse darüber erst mit dem Filialleiter reden. Im Beisein des Täters telefonierte der Bankangestellte daraufhin mit seinem Chef in der darübergelegenen Büroetage und teilte diesem die Forderung mit. Der reagierte sofort und ließ die Polizei alarmieren. Zugleich sorgte er dafür, dass die etwa 20 Mitarbeiter der Bank das Gebäude verließen. Das geschah in wenigen Minuten. Unterdessen sprach der Filialleiter auch telefonisch mit dem Täter und machte ihm klar, dass die Polizei im Anmarsch sei. Bevor er selbst die Flucht ergriff, vermittelte er per Telefon noch einen ersten Kontakt zwischen einem Polizeisprecher und dem Erpresser. Doch die Hoffnung, den Täter zum Aufgeben zu bewegen, zerschlug sich. Als der Mann erkannte, dass er in der Falle saß, nahm er den 40-jährigen Angestellten als Geisel.
Nun rückten Polizeihundertschaften an, die Zehlendorfer Kreuzung von Potsdamer und Berliner Straße und Teltower Damm wurde großräumig abgesperrt, Spezialeinsatzkommandos (SEK) gingen mit Scharfschützen in Stellung. Vor allem neben der alten Dorfkirche an der gegenüberliegenden Straßenseite . Die zentrale Rolle übernahmen psychologisch geschulte Verhandler, denen es rasch gelang, mit dem Täter telefonisch ins Gespräch zu kommen. Dabei gewannen sie offenbar recht bald den Eindruck, dass der 29-Jährige mit der Situation überfordert war. Seine Drohung mit einer Bombe, deren Explosion ihn selbst das Leben gekostet hätte, habe auf eine gewisse „Nervosität und Ungeplantheit“ hingedeutet. Mehrfach habe er ein Fluchtauto gefordert, doch einen Plan für die Geldübergabe hatte er offensichtlich nicht. Zugleich begann er „über persönliche Dinge zu reden“, so Einsatzleiter Sindberg. Seine Gesprächspartner schlossen daraus, „dass er emotional unter großem Druck“ stand. Er habe zeitweise Nähe gesucht. Die Polizisten zeigten Verständnis und versuchten damit, „ein Verhältnis zu dem Täter“ aufzubauen.

Schließlich gelang es, ihn zur Aufgabe zu bewegen. Seine Geisel war nicht gefesselt. Er habe den Bankmitarbeiter „anständig“ behandelt, teilte die Polizei mit. Der 40-Jährige wurde nach seiner Freilassung ärztlich betreut, habe jedoch „gefasst gewirkt“. Er konnte zu seiner Familie im Umland zurückkehren. Laut Oberstaatsanwalt Jörg Raupach sollte der Täter noch am Sonnabend einem Haftrichter vorgeführt werden. Er müsse mit einer Anklage wegen „erpresserischen Menschenraubes“ rechnen. Dafür ist ein Strafmaß von fünf bis 15 Jahren Haft  vorgesehen. Strafmildernd werde sich möglicherweise auswirken, dass er seine Geisel frei gelassen habe und sich geständig zeige.

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