Berliner Justiz : Einheitliche Kleidung für Häftlinge

Justizsenatorin Gisela von der Aue verschärft die Regeln für Häftlingsbesuche. Nach der Flucht eines Gefangenen durch die Pforte sollen die Gäste künftig strenger kontrolliert werden, für die Häftlinge gibt es Anstaltskleidung.

Jörn Hasselmann

Nach der filmreifen Flucht eines Gefangenen aus der Justizvollzugsanstalt Charlottenburg hat Senatorin Gisela von der Aue (SPD) durchgegriffen. Seit gestern dürfen Häftlinge ihre Besucher nur noch in Anstaltskleidung empfangen. Zudem bekommen Besucher ab sofort einen leuchtenden Stempel auf die Hand gedrückt. So soll in Zukunft ausgeschlossen werden, dass sich Gefangene noch einmal als Besucher ausgeben und so in die Freiheit gelangen. Wie berichtet, war am Freitag vergangener Woche dem 22-jährigen Firat I. so die Flucht geglückt. Der von der Staatsanwaltschaft als Intensivtäter eingestufte Kriminelle konnte mit dem Ausweis seines Bekannten ungehindert die JVA verlassen, ebenso wie wenig später der Besucher selbst. Gegen drei Bedienstete wurden disziplinarrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Wie berichtet, war Firat I. am Dienstagabend wieder festgenommen worden. Von der Aue kündigte an, in sämtlichen Gefängnissen die Besuchsregelungen zu überprüfen.

Sechs Fehler ermöglichten die Flucht. Der erste: Neu ankommende und herausgehende Besucher vermischen sich im Sprechzimmer um 16.55 Uhr. Dieses Durcheinander nutzt Firat I., um mit der Besuchsmarke seines Freundes O. zur Pforte zu gelangen. Fehler 2: An der Pforte nimmt die Beamtin dem Gefangenen die Marke ab und händigt ihm dafür O.s Ausweis aus. Fehler 3: Aydin O. versteckt sich zunächst auf einer Toilette, die nicht für Besucher vorgesehen ist. So schindet er Zeit. Er wird entdeckt, entschuldigt sich und wird zum Ausgang geschickt. Fehler 4: Da es der Beamtin an der Pforte seltsam vorkommt, dass ein Besucher ohne Metallmarke hinaus will und sie von ihm keinen Ausweis als Pfand hat, ruft sie im Zellentrakt an und fragt, „ob alle da sind“. Die Antwort lautet nach angeblich zwei Zählungen: „Ja“.

Fehler 5: Um 17.37 Uhr lässt die Beamtin dann auch Besucher O. raus – es fällt nicht auf, dass einer mehr rauskommt, als hineingegangen sind. Um 17.50 Uhr bekommt die Beamtin kalte Füße und fordert ein Foto des Gefangenen I. an. Sie erkennt, dass sie ihn gegen 17 Uhr als „Besucher“ herausgelassen hat. Anstaltsalarm wird ausgelöst. Fehler 6: Erst um 18.44 Uhr, so Senatorin von der Aue, wird die Polizei alarmiert. Unklar bleibt, wieso die Polizei erst um 19.10 Uhr eintraf.

Sämtliche Parteien forderten gestern im Rechtsausschuss einen genauen Untersuchungsbericht. Der CDU-Abgeordnete Sven Rissmann sprach von „strukturellen Mängeln“ und fehlendem Personal. Der grüne Rechtspolitiker Dirk Behrendt kritisierte, dass die Polizei erst so spät alarmiert wurde. Klaus Lederer (Linke) empfahl der Senatorin, das „filmreife Drehbuch dieser Flucht an Hollywood zu verkaufen“. Häftlinge kritisierten, dass sie nun bei Besuchen Anstaltskleidung tragen müssen: „Wir müssen jetzt für Fehler der Bediensteten büßen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben