Berliner Verbrechen : Ärger von der Stange

Mit illegalen Zigaretten verdienen Kriminelle mehr als mit harten Drogen. Der Zoll will ihnen das Geschäft verderben. Unterwegs mit Ermittlern

Pieke Biermann

„Dass wir damit nicht die Welt retten, ist klar“, keucht Andreas, „aber die Leute müssen ja sehen, dass was gemacht wird gegen den illegalen Zigarettenhandel.“ Ein halbes Dutzend Abfallkörbe hat „Andy“ schon innen abgeklopft mit seinem riesigen Schraubenzieher. „Tabaksonde“ heißt der. Andy ist Zollbetriebsinspektor und gilt bei der Mobilen Kontrollgruppe (MKG) des Hauptzollamts Berlin als Trüffelschwein für Erdbunker. In sämtlichen Beeten hat er herumgestochert, unterm Gebüsch, zwischen Müll, überall da, wo ihm der Boden ein bisschen zu aufgelockert, ein bisschen zu dellig vorkam. Ein ziemlich anstrengender Job. Unter den Augen von Olav Sörensen und Michael Kulus, MKG-Nachwuchs der eine, Hauptzollamts-Pressesprecher der andere. Drei Teams in Zivil, sieben der dreißig MKG-Mitarbeiter, sind seit sechs Uhr unterwegs, heute im Berliner Südosten und hinter der Stadtgrenze.

Der Großraum Berlin ist Hauptumschlagplatz für unversteuerte Zigaretten, die Verkaufsstellen liegen alle auf früherem DDR-Gebiet – bis auf ein paar Neuköllner und Reinickendorfer Ecken. Dieser Zweig der Organisierten Kriminalität (OK) ist fest in vietnamesischer Hand und die Ost-Bezirke Berlins für Vietnamesen noch immer das Rückzugsgebiet. Manche der früheren Vertragsarbeiter wohnen weiter dort und bilden – nicht immer freiwillig – mit den eher illegal Dazugekommenen eine Parallelgesellschaft, in der sich vom „Zwischenlager“ für Menschenhandel bis zu Logistik und OK-Führungspersonal alles verstecken lässt. Für viele Europäer sind schon asiatische Namen schwer zu unterscheiden und Gesichter erst recht. Kalkül könnte hinter der Standorttreue stecken: Der illegale Zigarettenhandel ist allein an diesen Plätzen so lukrativ, dass Expansion nicht zu eilen scheint.

Andy kontrolliert inzwischen verrostete Tonnen. „Ich glaub, ich hab was – Olav, biste sportlich?“ Sörensen geht in die Knie und krabbelt halb unter eine Tonne. „Fass mal da drunter!“ Es raschelt. Die erste schwarze Plastiktüte, dann noch eine und noch eine. Sörensen staunt und zählt. Sechs Stangen in einem „Bunker“. An einem einzigen der gut 250 Plätze, die der Berliner MKG bekannt sind. Es sind mit Sicherheit mehr, womöglich doppelt so viele. Dieser hier ist ein Ladenzentrum in Altglienicke. Sie kennen auch den jungen Mann, der beim Anblick der drei Zivilfahrzeuge das Weite gesucht hatte. Er wird nicht verfolgt. Sie könnten ihm nichts vorwerfen, sie haben ihn weder beim Verkaufen noch beim Bunkern beobachtet.

Deshalb konzentrieren sie sich auf die Ware. „Fünf bis sieben Euro pro Stange Verlust wird'n Straßenhändler haben", schätzt Andy. Je mehr sie finden, desto schmerzlicher ist es. „Vor allem, weil der ja auch keine Quittung von uns vorweisen kann.“ Keinen Beleg über die Beschlagnahmung, mit dem er seinem Boss beweisen kann, dass er den Stoff nicht etwa auf eigene Rechnung vertickt hat. Kriminelle Ökonomie wird zusammengehalten vom Argwohn aller gegen alle, und wo ein transparentes Legalitätsprinzip fehlt, herrscht Willkür oben und Angst unten. Mit Ethnien hat das erstmal nichts zu tun. Die vietnamesische OK allerdings hat in den letzten zwei Jahrzehnten mit sehr blutigen Bandenkriegen das Angstprinzip wirksam gehalten. Die Straßenhändler sind in ständiger Panik: vor ihren Bossen, bei denen sie Schleusungsschulden abarbeiten müssen und von denen sie abhängig sind, vor den deutschen Behörden, vor deutschen Teenagern, die ihnen die Bunker leer räumen. Und vor erwachsenen Deutsche, die der Meinung sind, „der Staat macht ja nix“ und gewalttätig werden.

Es ist später Vormittag. Die Altglienicker sitzen auf Bänken und an Kneipentischchen bei Bier und Kaffee oder eilen von Laden zu Laden. Vorhin um halb sieben bei einem Billigmarkt in der Kiefholzstraße war kein Publikum. Dort hatte die MKG drei Tage zuvor 60 Stangen gefunden, in Erdbunkern auf einer sperrmüllübersäten Brache nebenan. Sie hatten zwei Händler beobachtet, denen immer früh morgens Ware geliefert wurde. Dann hatten sich die Zöllner noch nachts stundenlang ins Unterholz gekauert, gewartet und zugeschlagen. Heute früh, bei der Kontrollfahrt, waren die Händler immer noch nicht wieder da. „Die sind jetzt vermutlich unruhig“, hatte Andy gesagt und auf ein verfallendes Nachbarhaus gezeigt. Er vermutet, dass sie darin wohnen oder weitere Bunker haben. „Die warten erstmal ab, was wir machen.“ Einfach mal reingehen und alle Wohnungen auf den Kopf stellen, das geht nur in schlechten Krimis. Im wirklichen Leben dürfte das kein Richter genehmigen. Aber selbst ein großer ausgehobener Bunker wäre kein Riesenerfolg. Der Berliner Zigarettenschwarzmarkt floriert nach dem System „Kleinvieh macht auch Mist“, Platz für neue Bunker gibt es reichlich, von Vorgärten über Mauernischen und Trafokästen bis zu Hydrantenanschlüssen. Wer gelernt hat, ein ganzes Kriegsgebiet in ein ameisenartiges Bunkersystem für Menschen und Waffentransporte zu verwandeln, wer damit eine Supermacht militärisch in die Knie gezwungen hat, der empfindet die Mittel der Strafverfolgung als Nadelstiche und wenig Skrupel gegenüber der einzelnen „Ameise“. Die ist austauschbar. „Das ist ja das, was sich im Westen keiner vorstellen kann und was man erst mitgekriegt, wenn man sich damit beschäftigt“, hatte Zollbetriebsinspektor Volker Cords in Treptow gesagt, „hier steht alle hundert Meter einer“. Auch Cords ist ein alter Hase und mit seinem ins Weiße spielenden Rauschebart ideal für Zivilkontrollen. „Sprechende Hecke“ heißt er bei Kollegen, die ihrerseits glatt als frühpensionierte Musiklehrer oder ehrenamtliche Kreisjugend-Fußballtrainer durchgehen. Spott und Selbstironie gehören zur MKG-Ausrüstung wie Waffe und Schussweste, und im Allerwelts-Look ist man oft effektiver als im zollgrünen Einsatzanzug. Vor allem beim Käufer mimen.

Illegal ist zum Erstaunen manches Konsumenten nicht nur der Verkauf von Zigaretten ohne hiesige Steuerbanderole, sondern auch der Erwerb. Wer mit bis zu fünf Schachteln erwischt wird, zahlt 15 Euro Verwarngeld, bei einer Stange sind es schon 25, bei zweien 35. Er muss sich nur einverstanden erklären mit einer Verwarnung, die juristisch folgenlos bleibt. Tut er das nicht, gibt es ein entschieden teureres Bußgeldverfahren plus Steuerbescheid. Ab der 401. Zigarette wird automatisch Bußgeld fällig, schnell in dreistelliger Höhe, und bei mehr als fünf Stangen hat man ein Strafverfahren am Hals und einen Eintrag im Vorstrafenregister.

Von Altglienicke geht es aufs Land, nach Großziethen. Andy hat das Auto geparkt und hält übers Handy Kontakt zum anderen Team. Durchs Fernglas beobachtet er die Landstraße. Auf beiden Seiten steht je ein Vietnamese, der eine rechts an einem Feldweg, der andere links mit einem Wäldchen im Rücken. Mitten in der Landschaft. „Die kaufen hier nur Stangen, manchmal fünf, sechs auf einmal. Zehn hatten wir auch schon mal.“

Zwanzig Minuten lang passiert nichts. Alle Autos fahren vorbei. „Wir haben mal überschlagen: Die verkaufen hier jeden Tag, auch sonntags. das sind acht- bis zehntausend Stangen im Jahr. Nur an diesem einen Platz." Die Stange kostet zurzeit 18 Euro. Und weil die Verkäufer selten Wechselgeld dabei haben, gibt's für einen Zwanziger eine Schachtel extra. In Geld übersetzt sind das gut 500 Euro Umsatz täglich, also rund 160 000 Euro pro Jahr. Wenn nur an den 250 bekannten Plätzen nur halb soviel umgesetzt wird, fließen Jahr für Jahr allein im Berliner Großraum 20 Millionen Euro Umsatz nicht einfach nur an Wirtschaft und Finanzamt vorbei, sondern nach Expertenerkenntnissen komplett in OK-Kanäle. Tendenz steigend. Illegale Zigaretten bringen dem organisierten Verbrechen mehr Gewinn als harte Drogen. Und sie sind risikoärmer -– wegen Nikotins geht ein Dealer kaum in den Knast.

„Bleib mal dran“, ruft Andy ins Handy. Ein Auto ist in den Feldweg gerollt. Der eine Vietnamese geht auf den Kleinwagen zu, gibt seinem Kumpel gegenüber Zeichen, der verschwindet kurz im Wäldchen, kommt mit einer schwarzen Plastiktüte wieder heraus, geht über die Straße. Zigaretten und Geld wechseln die Besitzer. Der Wagen fährt wieder los. „...froschgrüner Fiesta, fährt der Richtung Berlin, übernehmt ihr den nee, der kommt hierher!“ Andy lässt den Motor an und nimmt die Verfolgung auf. Ganz ohne Eile und ohne Blaulicht. Die beiden jungen Männer im Fiesta fahren zweihundert Meter weiter, parken vor einem Supermarkt, wo sie vom Zoll gestellt werden. Seufzend ziehen sie die Stange unterm Sitz hervor. Das passiert den beiden wohl nicht zum ersten Mal. Klaglos reichen sie Andy ihre Ausweise und dürfen erstmal einkaufen gehen. Beim Ausfüllen der Formulare und Zahlscheine kann Andy sie ohnehin nicht gebrauchen, und „das sind ja keine Straftäter, die muss man ja jetzt nicht ans Auto schmeißen und anbrüllen“, sagt er gelassen. Nicht, dass er illegalen Zigarettenhandel für harmlos hält. Ihm ist der Schaden für den Staat und die legale Zigarettenindustrie auch nicht wurscht. „Und es gehen eben auch viele kleine Tabakhändler dabei pleite.“ Ein Herz für erwischte Konsumenten hat er trotzdem. „Das sind ja oft Hartz-IV-Empfänger. Und das war jetzt Käuferleid“, sagt er mitfühlend, als die beiden Männer im Fiesta wieder weg sind. 45 Euro hat sie die Stange Zigaretten am Ende gekostet. Soviel wie eine legale. Nur, dass sie die jetzt auch rauchen könnten.

Weiteres zu diesem Thema können Sie im Wirtschaftsteil der morgigen Ausgabe lesen.

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