Berliner Verbrechen : Aufklärung aus der Luft

Die Hubschrauber-Staffel der Bundespolizei ist Tag und Nacht im Einsatz, mit High-Tech gegen Schleuserbanden, Kupferdiebe oder Waldbrände.

Pieke Biermann

Selbst feinste Technik kann den „humanen Faktor“ nicht ganz ersetzen. Das ist ein großer Trost für die Menschheit, aber manchmal ein kleines Fiasko für Einzelne. Zum Beispiel, wenn man im Hubschrauber auf Nachtstreife ist und mittels Bildverstärkerbrille und Wärmebildkamera aus Hunderten Meter Höhe Menschen am Boden lokalisieren soll: „Für uns sind Wärmequellen jeglicher Art interessant“, erläutert Alexander Rudolphi, „wenn die nun ein bisschen versteckt im Wald sind, kann man die nur hin und wieder durchs Blätterdach sehen und nicht genau definieren.“ Dann werden die „Bodentruppen“ von oben dahin dirigiert. „Und wenn’s mit Fahrzeugen nicht mehr weitergeht, dann muss halt die Fußstreife ran und – na ja, die standen dann mittendrin.“ In einem Ameisenhaufen. „Kann mit ’nem Misthaufen genauso passieren“, sagt Rudolphi zerknirscht. Er ist FLIR-Operator, der „Bord-Kameramann“, und bedient per Joystick die beiden integrierten High-Tech-Kameras, die in einer dicken Kugel vorn unterm Helikopter hängen. Auf der anderen Seite hängt ein ebenso großer 1600-Watt-Scheinwerfer. FLIR steht für Forward Looking InfraRed, meint aber beides: die Infrarot-Kamera, die Wärmeunterschiede abbildet, und die Tageslichtkamera. Was sie erfassen, geht in den Monitor auf Rudolphis Funktisch hinter dem Bordtechniker. Wärmebilder haben keine Tiefenschärfe, Mist und Ameisen sind etwa so warm wie Menschen, und auch die beste Restlichtverstärkung in den so genannten BiV-Brillen muss vor Bäumen kapitulieren. Wer es in den dichten Wald geschafft hat, ist erstmal ganz gut gefeit gegen Entdeckung aus der Luft. Tagsüber wie nachts.

Täter auf der Flucht, zum Beispiel. Oder illegale Grenzgänger. Aber auch Vermisste und Verlaufene, die verdursten oder erfrieren, wenn man sie nicht bald findet. Deshalb klären diejenigen, die solche Probleme zu lösen haben, Gelände auch aus der Luft auf, vermessen und dokumentieren sie, erarbeiten Lagebilder und fliegen Streife. „Regelmäßig-unregelmäßig“, sagt Frank Altpeter, der Pilot. „Unser Dienst ist sehr dynamisch – anlassbezogen, lageangepasst.“

Altpeter und Rudolphi sind Bundespolizisten. Zwei der 117 Mitarbeiter der Fliegerstaffel Ost in Ahrensfelde, die zum Bundespolizeipräsidium Ost gehört und über 17 Hubschrauber verfügt. Fünf BPOL-Präsidien gibt es, jedes hat eine Fliegerstaffel. Die BPOL schützt die Verfassungsorgane der Bundesrepublik und transportiert ihre gefährdete Repräsentanten und Staatsgäste. Sie unterstützt Länderpolizeien und hat die polizeiliche Hoheit auf Flughäfen und Bahnanlagen. Aus ihren bundesweit zwölf Luftrettungszentren wurde seit 1971 eine halbe Million Einsätze geflogen. Mit den Flugstunden käme man hundertsechzehnmal zum Mond. Beim Elbehochwasser 2002 haben die Flieger zweitausend Menschen mit der Stahlwinde vom Dach gepflückt. Zur Oder haben sie 1997 Sandsäcke, Verpflegung und medizinische Hilfe geflogen, 2000 in Mosambik Menschen aus den Fluten geborgen und 2005 ihre „Bambi-Buckets“ über Portugals brennenden Wäldern geleert, mit zwei Tonnen Wasser pro Flug.

Der Bundespolizei obliegt die Kontrolle der Grenzen und des grenzüberschreitenden Verkehrs. Aber das ist längst nicht mehr der alte Bundesgrenzschutz und heißt seit 2005 auch nicht mehr so. 1990 löst die Vereinigung die innerdeutsche Grenze auf, 1995 und 2001 verschieben die Schengener Abkommen die westlichen Außengrenzen und seit 2004 fallen wegen der EU-Osterweiterung die Zollkontrollen an der Ostgrenze nach Polen und Tschechien weitgehend weg. Parallel dazu verlagert sich die polizeiliche Arbeit auf Kriminalitätsbekämpfung, mit eigenen Inspektionen, mobilen operativen Einheiten und der Verzahnung von präventiven und repressiven Maßnahmen, die in den Länderpolizeien schon lange üblich ist.

Die Fliegerstaffel Ost bearbeitet Berlin, Brandenburg und Sachsen – auch geografisch ein dynamisches Einsatzgebiet. „Von Hof über Görlitz und Zittau bis oben in Schwedt kennen wir die Grenze“, sagt Altpeter, nachdem er und Horst Maierl, der Techniker, alle Checks erledigt und den EC 155 auf etwa 300 Meter hochgezogen haben. Die Höhe gilt als „neighborly flying“. „Wir wollen ja die Leute nicht mehr belasten als unbedingt nötig.“ Hubschrauberrotoren knattern ohrenbetäubend. Innen in diesem leichten Transporthubschrauber ist nichts davon zu hören. Man hat dick gepolsterte Kopfhörer auf den Ohren und ein Mikrofon praktisch an den Lippen kleben, hört knätschenden Funk und redet zeitverzögert über die Anlage. Draußen gibt es wenig, nur ab und zu ein kleines Dorf, ein einzelnes Gehöft. Von oben ist Brandenburg die reine friedliche Feld-Wald-und- Wiesen-Idylle, hingeworfen wie ein bildschöner Stoff mit einer Reliefstruktur aus sanften Hügeln. Aber die Idylle trügt. „Da, die Stelle war’s“, zeigt Altpeter. Unten ist ein Metallfaden in die Landschaft gewirkt, die einspurige Bahnlinie. „Wir waren im Anflug zu einer Grenzüberwachung und bekamen die Meldung, dass bei der Bahn AG eine Störung auf der Strecke Berlin-Seelow aufgelaufen war.“ Seit ein paar Jahren heißt das: Vermutlich war wieder irgendwer scharf auf Kupfer. Sie sind in der Nähe und fliegen hin. „Direkt am Gleis war ein Fahrzeug“, erzählt Altpeter, „da saßen schon Leute drin, das haben wir dann verfolgt.“ Ein Auto allein auf weiter Flur genau da, wo die Störung herkommt – das ist mehr als ein vager Verdacht. „Die fuhren auf ein Gehöft, und da haben wir die Bodenkräfte hindirigiert.“ Buntmetall sichergestellt, Täter festgenommen, Einsatz dokumentiert, „vom ersten Kontakt bis zum Aufgriff“. FLIR-Fotos und -Filme sind gerichtsfeste Beweismittel. Gute Bilder zu machen und sie für die weiteren Ermittlungen zusammenzustellen, ist Aufgabe des FLIR-Operators. Bei Bedarf, zum Beispiel bei Staatsbesuchen oder Ausschreitungen von Fußball-Hooligans bis zu Randale-Demonstrationen, laufen sie nicht nur auf Rudolphis Monitor auf, sondern auch „live“ bei den Funkleitstellen anderer Polizeien und der Feuerwehr.

Buntmetalldiebstahl von Bahnanlagen ist originäre Bundespolizeiaufgabe und ein Schwerpunkt der Aufklärung aus der Luft. Ein anderer heißt amtlich korrekt „unerlaubte Einreise“ und sonst kurz Schleusung. Die Natur an der deutsch-polnischen Grenze hält dafür ein paar ideale Ecken bereit, eine ist das Gebiet, an dem die Oder und die Lausitzer Neisse zusammenfließen. Zwanzig Flugminuten entfernt von Berlin. Wir lassen Eisenhüttenstadt links liegen und folgen der Oder mit den quer ins Wasser ragenden Sandbänken nach Süden Richtung Ratzdorf. Hier knickt der breite Fluss plötzlich nach links weg. Geradeaus geht ein dünnes Bächlein weiter. „Die Neisse“, sagt Altpeter, „die hat sogar zurzeit ziemlich viel Wasser. Normalerweise ist die so schmal und flach, da kommt man fast trockenen Fußes durch.“ Ertrinken kann man auch jetzt kaum, und selbst mit nassen Füßen ist man schnell zwischen Büschen und Bäumen verschwunden und immer in der Nähe von erkennbaren Punkten, an denen man von den Schleusern wieder eingesammelt und weitergefahren werden kann. Von Leuten womöglich, die einen nach tagelanger Reiserei auf der polnischen Seite abgesetzt haben und selbst ganz bequem den legalen Grenzübergang nehmen. Mehr taktische Einzelheiten geben weder Altpeter noch Rudolphi und Maierl preis. Aber das Landschaftsbild spricht Bände, und manche grünstichige Reportage über nächtliche Fluchten und Verfolgungen hat im fernsehgefütterten Kopf längst das Szenario festgezurrt. 173 solcher Schleusungsfälle hat das Bundespolizeiamt Frankfurt/Oder 2006 registriert, zwanzig Prozent weniger als 2005. Auch die Zahl der Geschleusten ist von 724 auf 635 geschrumpft, die der festgestellten Schleuser von 203 auf 180. Ein Erfolg auch der Aufklärung von oben. Anzusteigen scheint allerdings die „Behältnisschleusung“ – der Transport in Tomatencontainern, Zementmischern oder Kofferräumen, bei dem in Europa schon Menschen qualvoll zu Tode gekommen sind. Einen Zusammenhang mag noch niemand bestätigen.

Schleusung ist ein Delikt mit deprimierend ineinander verkeilten humanitären und hochkriminellen Aspekten. Leichter reden lässt sich über die vielen „aus hilfloser Lage Geretteten“. Horst Maierl erinnert sich an eine Februarnacht, „um zwei, drei Uhr, draußen minus fünfzehn Grad, wir waren auf dem Rückflug von Cottbus, da fragt uns die Staffel, ob wir noch Sprit haben.“ Die Brandenburger Polizei sucht einen Taxifahrer, der irgendwo bei Erkner einen Gast abgeliefert und sich prompt im Wald verfahren, aber ein Handy dabei hat. „Er weiß nicht, wo er ist, er sieht bloß eine Hochspannungsleitung“, hört der gebürtige Oberpfälzer, der an Bord für Navigation und Flugführung verantwortlich ist, von der Funkzentrale. „Ich hasse ja Raucher, aber ich hab gesagt, der soll rauchen, was der Schlot hält.“ Sie finden die Stromleitung, fliegen sie ab und sehen tatsächlich bald einen kleinen hellen Punkt. „Auf fünf, sechs Kilometer Entfernung siehst’ des mit der BiV-Brille, ned mit der Kamera. Des war dann scho schön.“

Befriedigend wie jede mit Teamwork verhinderte Katastrophe. Waldbrände, zum Beispiel. Brandenburg ist das waldreichste Bundesland, und die vielen harzigen Nadelhölzer brennen besonders gut. „Und es gibt noch eine Besonderheit“, erklärt Klaus-Jürgen Jess, seit 2005 Leiter der Fliegerstaffel Ost, „es liegt überall Munition, man weiß nicht wo.“ Relikte vom Krieg, der Roten Armee, der NVA. In manchen Gegenden kann die Feuerwehr ohne Lebensgefahr nur auf befestigten Wegen fahren, spritzen, soweit der Druck eben reicht, und darf nicht dran denken, was ihr alles um die Ohren fliegen könnte. „Da sind wir natürlich geeignet mit unsern Bambi-Buckets. Damit kann man zwar keine großflächigen Brände löschen, aber Befeuchtungsringe um Orte legen, damit das Feuer nicht übergreift.“ Swimmingpools leer saugen und die Fracht punktgenau platzieren. „Alles eine Frage der Übung.“ So wie die Ermittlungen danach. Denn auch hinter manchem der Brände, die in den trockenen Brandenburger Sommern zum Repertoire zählen, steckt kriminelle Energie.

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