Berliner Verbrechen : Das Multikulti-Delikt

Taschendiebstahl ist die Domäne von Ausländern, mit immer neuen Tricks. Die „EG Tasche“ kämpft erfolgreich gegen die Diebe – auf Streife mit den Fahndern.

Pieke Biermann

Doch, der Dezember war ein ,guter Monat‘ für Taschendiebe“, sagt Heike Walter. Die Adventszeit bringt nicht nur Touristen nach Berlin, sie zieht auch die Berliner in Arkaden, Passagen und sonstige Einkaufszentren. Zur Schnäppchenjagd und zum Geschenkesuchen. „Viele Leute haben dann viel Bargeld in der Tasche, das wissen die Täter.“ Heike Walter ist Kriminalhauptkommissarin und SB-Leiterin des LKA 711. SB steht für Sachbearbeitung und ist eine der beiden Säulen des Kommissariats aus sechzig Kriminal- und Schutzpolizisten, das bis März 2007 kurz „EG Tasche“ hieß. Die Kommissarin hat ihr Büro ganz am Ende eines langen Flurs, hier stehen die meisten Türen offen, hier wird gern und direkt kommuniziert. Von einer Postkarte an der Wand grinst ein weltberühmter Glatzkopf – Pierluigi Collina, der Schiedsrichter. Der hatte 2006 gar nicht mehr gepfiffen, aber die Karte hat mit beidem zu tun – Fußball-WM und „EG Tasche“. Letztere wurde im August 2005 gegründet, weil Erstere auch Berlin zum Mekka für Taschendiebe zu machen drohte. So viel weise Voraussicht und die Bereitschaft zur Investition in ein großes Team hochqualifizierter Spezialisten haben sich bezahlt gemacht – auch für Signor Collina respektive la Signora Giovanna. Der nämlich wurde die Handtasche geklaut, quasi unter den Augen der Weltöffentlichkeit, vor einer Pressekonferenz im Hotel. Den kecken Dieb hatten nur die Fahnder der „EG Tasche“ schon im Visier gehabt, die Flucht per U-Bahn nutzte ihm dann nichts mehr.

Fahndung ist die zweite Säule. Einige der dreißig operativen Schutzpolizisten hatten die Kriminalität auch vorher schon in Zivil bekämpft, so wie Oliver Lobrecht, Spitzname Lobe. „Man muss’n bisschen verrückt sein für Dienst in Zivil“, lacht der Polizeioberkommissar und dreht den Zündschlüssel. Der Kleinbus steht in einer Ausfallstraße. Der BMW mit bulgarischem Kennzeichen und vier Männern drin, dem der Kommissar seit einer halben Stunde folgt, ist auf eine Tankstelle gefahren. Zwei der Männer kommen ihm bekannt vor. Er lässt den BMW nicht aus den Augen. „Um 18 Uhr steht Essen auf’m Tisch, da muss ich zu Hause sein – so was geht nicht.“ Einer der Männer steigt aus, den kennt er nicht. Aber er kennt einen modus operandi, den Täter aus Bulgarien gern an Tankstellen nutzen: Mit einem großen Euroschein bezahlen und dabei den Tankwart so blödquatschen, dass er am Ende, ohne es zu merken, das Doppelte rausgibt. Das Aktionsfeld von Trick- und Taschendieben hat Schnittmengen. Und beide lassen sich immer wieder neue Tricks einfallen.

„Ein guter Zivilfahnder hat einen Blick für Leute.“ Menschenkenntnis, Misstrauen, langer Atem und Souveränität. Man muss mit ein paar unschönen Fakten umgehen können, ohne daraus klammheimlich Vorurteile zu basteln: Taschendiebstahl ist in Berlin die Domäne von Ausländern. Sie kommen aus Rumänien, Polen, Bulgarien und vom Balkan, aus Algerien und aus Chile, und die Südosteuropäer sind fast alle Roma. Die kann man offiziell mit „reisende ethnische Minderheiten“ umschreiben, aber erstens klingt das auch nicht so anders als das „fahrende Volk“ von früher und zweitens denkt auch dabei jeder sofort: Zigeuner. „Die Klau-Kinder, die wir hier in den 90er Jahren hatten“, seufzt Heike Walter, „konnten einem nur leid tun.“ Von Erwachsenen abgerichtet zum Klauen und verprügelt bei zu wenig Einnahmen. Kinder, die immer wieder erwischt wurden und keine Stunde später weiter machten.

Jugendliche, die sich als Kinder ausgeben, weil ihnen dann nichts passieren kann, kommen heute nicht mehr. Das liegt an der länderübergreifenden Zusammenarbeit. Mit den Fotos der „EG Tasche“ hat die rumänische Polizei die echten Identitäten ermittelt. Die stehen jetzt in INPOL. Das deutsche Pflaster ist zu heiß. „Letztes Jahr hatten wir auch Klau-Kids“, erzählt Lobe, „da waren weit und breit keine Erwachsenen zu sehen.“ Die neue Generation klaut auf eigene Rechnung. „Die haben teure Klamotten und Handys, die fahren auch mit dem Taxi durch die Gegend.“ Mit korrekten Quittungen. „Die haben eben nur gelernt, von der Hand in den Mund zu leben, und sagen sich: Wir haben ja nichts zu verlieren. Wir wollen auch 'n Stück vom Kuchen abhaben.“

Der bulgarische BMW ist doch uninteressant. Die beiden Männer, die Lobe zu kennen glaubte, sind andere. Auch sonst ist nichts auffällig. Also zurück. Richtung Hermannplatz. „Vermutlich bin ich der größte Feind des Datenschutzes“, kichert der Lobe, „aber Überwachungsvideos sind für uns das A und O.“ Kameras in Warenhäusern, Hotels und Bahnhöfen, an Geldautomaten und großen Plätzen liefern Bilder von Tätern und neuen Tricks. Sie helfen den Fahndern beim Observieren und Festnehmen und der Auswertungseinheit beim Erkennen von Mustern und Strategien. Sie sind Beweismaterial und haben die Berliner Justiz überzeugt, dass Taschendiebstahl kein Bagatelldelikt ist. Und sie dienen der Prävention. Aus den Erkenntnissen entstehen Flyer in fünf Sprachen. Und kaum fallen irgendwo – in Supermärkten, Bussen und Bahnen – Aktivitäten auf, nimmt die „EG Tasche“ Kontakt mit den jeweils Verantwortlichen auf. Zur Zeit gibt es eine Serie in Buslinien im Süden. Im öffentlichen Nahverkehr ist das häufigste Delikt noch immer Taschendiebstahl, vor Sachbeschädigung und weit vor Körperverletzung.

Jetzt sind zwei Zivilfahrzeuge unterwegs, ein unauffälliger dunkler PKW mit drei Fahndern und ein genauso unauffälliger, genauso dunkler Kleinbus mit zwei Beamten. Alle fünf verfolgen ein Quartett, zwei Männer, zwei Frauen, das auf der Hermannstraße seltsame Zickzackkurse durch Geschäfte macht und merkwürdig lange „unschlüssig“ an Wühltischen und Kleiderkarussells verharrt. Zwei der Frauen sind bekannt und offenbar neuerdings wieder aktiv. Aus Bulgarien. Von dort kommt seit der EU-Erweiterung eine kleine neue Welle.

Die folgenden fünf Stunden wird nur noch jeweils ein Beamter im Auto sitzen, immer wieder anhalten, beobachten, über Funk und Handy hin und her kommunizieren. Die anderen drei Polizisten sind draußen, latschen scheinbar zufällig Straßen entlang oder fummeln auf Grabbeltischen herum, rennen plötzlich los, verschwinden zehn Minuten in einem Bus, steigen wieder aus. Nur wer sehr genau hinsieht, kann erkennen, dass sie dauernd die Lippen bewegen und winzige Ohrstöpsel haben. Nach einer halben Stunde kommen die beiden Frauen allein aus einem Wohnhaus. Mit großen, leeren Einkaufstüten. Ideal als Blickschutz für lange Finger wie als Zwischenbunker für die Beute. Gerade hatte einer der Fahnder in eine Bratwurst gebissen. Nun geht’s weiter.

Die beiden Fahrzeuge immer hinterher, drumrum, vorweg. Inzwischen haben sie ein paar bulgarische Autos notiert, die in der Nähe des Wohnhauses parken, das Klingelbrett genau angesehen, Nummern und Namen durchgegeben und ein paar zufriedene „kuck an!“ gehört. Festnahmen gibt es heute nicht. Die beiden Frauen holen gerade zwei kleine Kinder aus einer Kita ab. Die Tüten sind jetzt voll. „Die machen heut nischt mehr“, sagt der Fahrer im PKW, „vielleicht morgen, da, wo sie vorhin sondiert haben.“ Und die Fahnder auch. Wieder ein paar neue Mosaiksteinchen für Fahndung und Auswertung.

Taschendiebstahl ist ein uraltes Handwerk im wörtlichen Sinn und hat – anders als Scheckbetrug, zum Beispiel – die digitale Revolution überlebt. Fast müsste man Taschendiebe unter Artenschutz stellen, wenn sie nicht auch gewisse grausame Untugenden der Globalisierungsanbeter übernommen hätten. Auf die „gute alte Diebesehre“ nämlich, in der Gewalt und Gemeinheit gegenüber Schwächeren verpönt sind, die stattdessen auf Fingerfertigkeit und Menschenkenntnis setzt, kann man sich leider nicht mehr verlassen. „Da wird dann älteren Frauen auch schon mal gewaltsam die Tasche entrissen“, sagt Lobe, „oder sie suchen sich extra gebrechliche Opfer aus, die mit dem Rollator in den Supermarkt kommen und ihre Tasche dran hängen haben.“

Ein paar echte altmodische Profis gibt es noch. Chilenen zum Beispiel. Spezialisiert auf die Frühstückssäle feiner Hotels, „milieukompatibel“ gekleidet und äußerst geschickt. „Die sind zwar rar“, sagt Lobe, der sich inzwischen zwei junge Männer ausgeguckt hat, die etwas zu leere große Umhängetaschen spazieren führen, „aber umso dreister und schwer zu kriegen“. Auf den Jacke-Jacke-Trick in besseren Restaurants dagegen sind Algerier spezialisiert. „Die setzen sich mit dem Rücken zum Opfer, das seine Jacke über dem Stuhl hängen hat, hängen ihre Jacke auch so hin und tun dann so, als ob sie darin wühlen, tatsächlich haben sie die Finger in der Jacke des Opfers und ziehen die Geldbörse.“ Und wenn sie cool sind, fleddern sie die sofort und stecken sie zurück.

Die „EG Tasche“ ist bundesweit die einzige derartige Spezialtruppe und war von Anfang eine Erfolgsstory. Nach drei Monaten hatten sie die ersten hundert Festnahmen, heute sind es fast tausend. Knapp die Hälfte der Täter bekommt Haftbefehle oder wird in einem besonders beschleunigten Verfahren abgeurteilt oder abgeschoben. Taschendiebstahl hat traditionell die niedrigste Aufklärungsquote. Wenn die fünf Prozent beträgt, sind alle froh. Die „EG Tasche“ hat die Berliner Statistik auf 5, 2 Prozent im Jahr 2006 verbessert und liegt 2007 bei gut 7 Prozent. Und 2006 gingen die Taten um fast 9 Prozent zurück, trotz der WM mit ihrer Fanmeile und den vielen „reisenden Opfern“. Das ist das Hellfeld – die Taten, die verfolgt werden können, weil sie angezeigt wurden. Das Dunkelfeld könnte nach Schätzungen dreimal so groß sein und bundesweit eine Viertelmilliarde Euro Schäden im Jahr verursachen. „Peanuts“ verglichen mit den Schäden durch Wirtschaftskriminalität, aber oft mit schlimmen Folgen für die Opfer dieser „Wirtschaftskriminalität ohne Nadelstreifen“: Nicht nur das Geld ist weg, sondern auch Papiere, die wiederzubeschaffen viel Rennerei und neue Kosten bedeutet, und vor allem das Sicherheitsgefühl.

„Ethnische Deutsche“ übrigens sind in Berlin allenfalls im Promillebereich als Taschendiebe aktiv. Warum? „Keine Ahnung“, lacht Lobe, bevor er die beiden Männer über Funk den Kollegen zu Fuß beschreibt, „ich vermute mal – zu ungeschickt?“

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