Berliner Verbrechen : Explosiver als jede Gasflasche

Drohungen, Überfälle, häusliche Gewalt - für den Abschnitt 36 ist das Alltag. Pieke Biermann war im Weddinger Problemkiez mit Polizisten auf Nachtschicht.

Pieke Biermann
Polizei
Zeichnung: Trostbach

Der Auftrag klingt brenzlig. In der Koloniestraße sind „Gasflaschen“ in einer Wohnung. „Der Mieter soll wohl gedroht haben, alles in die Luft zu jagen.“ Der Wachraum liegt schon im Halbdunkeln. Ein Fernseher läuft ganz leise. Draußen vor den Fenstern surrt Abendverkehr die Pankstraße entlang. Der Weddinger Himmel zieht sich zu, es riecht nach Herbst und nach Regen. „Macht ihr den gleich?“

Andreas Jendrejak und Robert Schumalla nicken. Knappes Briefing. Quergebäude, 2. OG, Mieter hat Räumungsklage, als gewalttätig bekannt. Nachbar hat Gasflaschen gesehen oder die Drohung gehört oder beides. Klar ist nur: „Anrufer ist der Hausmeister.“ Die beiden Polizeiobermeister packen ihre Taschen in den grau-grünen Touran. Schutzwesten und was man so braucht, wenn man die nächsten zehn Stunden unabsehbar lange draußen ist. Alles andere ist „am Mann“: Pistole, Pfefferspray, Kuli, Notizheft, Taschenlampe, Schlagstock, Handfesseln. Im A 36, einem der beiden Weddinger Polizeiabschnitte, beginnt die Nachtschicht der dritten Dienstgruppe. „Äi-Dschäi“ Jendrejak und „Schumi“ Schumalla sind jetzt „City Sechs-Null-Drei“. Die beiden sind Teampartner seit gut zwei Jahren. Beide Anfang dreißig, nicht bulimieverdächtig, Haare, die zum Raufen so wenig taugen wie zum Reißen.

„Hat der gesagt, was für Gas?“ fragt Äi-Dschäi. „Nee, aber war da nicht schon mal SEK wegen Gasflaschen in’ner Wohnung?“ Die Fahrt ist zu kurz, um mulmige Gefühle aufkommen zu lassen. Der Hausmeister im Rentenalter winkt vorm Haus. Der Mieter sei wohl nicht da. Das Schloss ist neu, aber der hat die Tür öfter eingetreten, erzählt er auf dem Weg über den dunklen Hof. Was für Gasflaschen das sind? Das weiß der Nachbar, der kommt auch gleich. „Dann machen wir da lieber mal kein Licht an“, sagt Schumi. Was ist der Mieter so für einer? Zerlegt alles, was ihm quer kommt, vor dem haben alle Schiss, ächzt der Hausmeister. Er schließt auf und – es wird hell. Schumi holt Luft. „Wollten wir nicht kein Licht machen?“, fragt Jendrejak trocken. Sie schieben den Hausmeister beiseite. Die Wohnung ist leer. Die zwei Gasflaschen liegen in der Küche zwischen ausgerissenen Schranktüren, Bierflaschen, Müllbergen, verklebtem Geschirr. CO2 steht drauf, Kohlendioxid. Das Gegenteil von explosiv, ein Mittel zum Feuerlöschen. Überall im Zimmer sind Spuren von Zerstörungswut. Über dem fleckigen Schlafsofa hängen verblichene Fotos von einem kleinen Mädchen und einer jungen Frau. Und da und dort ein Foto eines jungen Manns mit Kiffer-Chic, dürr, lange Strähnen. „Der hat aber jetzt Glatze“, sagt der Hausmeister: „Und nervt alle mit nächtelangem rechtsradikalen Gedröhn.“ Er zeigt auf leere CD-Hüllen.

Zurück zum Abschnitt. Schreibarbeit. Jendrejak holt sich die POLIKS-Formulare auf den Bildschirm, um den ganzen Vorgang ins polizeiliche System einzugeben. Was war das jetzt eigentlich? Störung der öffentlichen Ordnung durch Androhung eines Sprengstoffverbrechens? Der Nachbar, der die Drohung angeblich gehört hatte, wollte auf dem Hof nichts mehr davon wissen. Die Flaschen gesehen hatte er auch nie. Schumi holt Informationen über den Mieter aus dem System. Bauarbeiter. Bis vor kurzem im Knast. Seitdem drei Einsätze des Spezialeinsatzkommandos (SEK) provoziert.

Der Abschnitt 36 bearbeitet einen der Problemkieze der Stadt. Was hier jeden Moment explodieren kann – und explodiert –, ist gefährlicher als Gasflaschen: ein Gemisch aus Eingeborenen und Zugezogenen, die alle, wenn auch aus verschiedenen Gründen, nicht richtig geerdet und verwurzelt sind. Hier klafft die Schere zwischen arm und noch ärmer, zwischen lästig und ganz abgeschrieben, zwischen Phlegma und Gewaltausbruch.

„Da war das“, sagt Schumi, wieder draußen auf der Soldiner Ecke Koloniestraße. Vor fünf Jahren haben hier arabische Jungs eine Eisenstange auf einen Funkwagen geschleudert. Die hat um Haaresbreite die Schlagader ihres Kollegen verfehlt. Da vorn war der Unfall, wo’s der Frau fast den Schädel gespalten hat. Da im Parterre wohnt die alte Asthmatikerin, der die Rotzbengel aus dem ersten Stock immer über den Balkon gestiegen sind und alles zertrampelt haben. Die Kneipe, der Puff, jenes Internetcafé ist jetzt zu wegen Drogen oder sonstwas. Da ist ein Vereinshaus der einen, dort eins der anderen Rocker-Truppe, und da rennt immer der psychisch kranke junge Türke bei Rot auf die Straße. Und wenn man ihn in Sicherheit bringen will, ist man in Sekundenschnelle von 30, 40 aggressiven Kerlen umringt. Eine Horror-Topographie.

Schumi und Äi-Dschäi halten energisch dagegen. „Ich möcht gar nicht woanders arbeiten“, sagt Schumi. „Der Bezirk, die Menschen, das ist irgendwie Ur-Berlin.“ Äi-Dschäi nickt. „Gibt richtig schöne Ecken hier – der Humboldthain zum Beispiel.“ Seit zehn Minuten fahren sie jetzt im Schritttempo durch den Park und leuchten mit Taschenlampen die Seiten aus. Da drüben war dieser Mord, noch immer nicht aufgeklärt, da oben gab’s mal Party-Randale, da und da wird gedealt… Heute nicht.

Über Funk kommt ein Auftrag. In der Badstraße soll ein Mann sein, der wegen eines gewalttätigen Angriffs im Bereich des A 35 gesucht wird. Die spärlichen Informationen klingen nach häuslicher Gewalt. Der Mann soll Klingelterror bei einer Türkin machen. „Heut ist es aber überall menschenleer“, stellt Äi-Dschäi stirnrunzelnd fest, als Schumi wieder auf der Straße ist und Gas gibt. Im Hochsommer vibrieren Weddinger Straßen vor Trubel und Kabelbrand. Ob’s am Wetter liegt? Zu kalt. Ferien vorbei. Sie stellen den Touran vor dem Haus ab und gehen zum Kofferraum. „Häusliche Gewalt sind oft die gefährlichsten Einsätze“, sagt Schumi. Sie ziehen die Schutzwesten an, träge beäugt von ein paar Figuren, die vor einem Imbiss an Tischchen fläzen. Einer trägt Schnauzbart und schwarzes Ledersakko.

Jendrejak findet den Namen auf dem Klingelbrett. An so einem Treppenhaus prallt jeder Hauptstadt-Optimismus ab. Knurrende Stufen, funzlige Beleuchtung, bröckelnder Anstrich. Die Frau macht die Tür erst auf, als sie „Polizei“ hört. Sie wirkt verängstigt und holt ihre Tochter. Die spricht lupenreines Deutsch und klärt die Lage auf. Der Typ ist weitläufig verwandt, hat keine Arbeit und macht sich abends einfach stundenlang bei ihnen breit. Heute haben sie ihm nicht aufgemacht, eine Cousine rief an, bei ihr hat er jemanden verprügelt. Wie sieht der Typ denn aus? Schumi und Äi-Dschäi tauschen einen Blick. Schnauzbart hat er?

Als sie wieder runterkommen, ist der Mann mit dem Ledersakko weg. Kurze Meldung über Funk und direkt an A 35. Und weiter zu einem Dauerstreit unter zwei Deutschen, die sich nicht riechen können, von denen einer ständig die Polizei holt, weil der andere ihn angeblich beleidigt oder an sein Fenster getrommelt hat und überhaupt besoffen ist und Hunde hat. „Wir konnten schlichten“, wird Äi-Dschäi später in POLIKS und den eigenen Streifenbericht eingeben – außerdem eine Fahrzeugüberprüfung, die Durchsuchung einer Kita, bei der die Alarmanlage losgegangen war, gemeinsam mit vier weiteren Streifenkollegen und einer Hundeführerin, und noch einer möglichen häuslichen Gewalt, bei der ein Mann mit Baby auf dem Arm die Tür öffnete und die Frau daneben nur mürrisch-kokett die veilchenfreien Augen rollte.

„So ruhig war’s ein halbes Jahr nicht mehr“, sagt Schumi. Aber beim Streifefahren kann man gut nachdenken. Über die kleinen Verwahrlosungen, die, wenn keiner aufräumt, zum Bild gerinnen, aus dem am Ende nur noch antisoziale, kriminelle Energie strömt. „Dass Leute ihren Müll aus dem Fenster schmeißen, anstatt sich den Hof schön zu machen“, sagt Äi-Dschäi. Und keine Kindersitze im Auto haben, Fernseher auf Spielplätzen entsorgen… „Trotzdem“, sagt Schumi, „das ist mein Traumberuf. Deiner auch.“

Deshalb fahren sie regelmäßig zum S-Bahnhof Humboldthain und reden mit der Frau, deren Spätkauf immer wieder überfallen wird, und mit dem Mann vom Imbiss, bei dem immer wieder eingebrochen wird. Hören zu, geben Tipps, sind einfach präsent, vor allem bei Ladenschluss. Die Besitzerin empfängt sie mit einem Schwall warmer Worte. „Baut ja auf, wenn die Bürger hinter einem stehen“, sagt Äi-Dschäi. Dem geistig behinderten Mann, der durch den Bahnhof streicht, hatten Drogendealer kurzerhand die Wohnung besetzt und ihn wie einen Sklaven gehalten. Den haben sie befreit, jetzt plaudern sie mit ihm. „Der klassische Opfertyp“, sagt Jendrejak besorgt. Mit ihnen gesehen zu werden, bedeutet Schutz für ihn.

POLIKS speichert solch Einsatz spröde als Bürgergespräch/Gefahrenabwehr.

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