Berliner Verbrechen : Flucht vor der Erinnerung

Wenn die böse Tat niemals aufhört, zu schmerzen: Ein kleines Mädchen wird vergewaltigt, sieben Jahre später beschäftigt es wieder die Polizei. Die Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle aus Berlin.

Pieke Biermann

Mitte Dezember war der Schnee verschwunden. Keine weiße Weihnacht, aber schönes Wetter fürs Silvesterfeuerwerk. Das alte Jahr und seine Kümmernisse wegballern. Platz für das Neue freischießen. Überall da, wo Berliner wohnen und feiern. Das neue Jahr begrüßt sie mit einem strahlend klaren Himmel und leichten Minustemperaturen. Es riecht nach milderem Wetter.

Im südwestlichen Teil von Wedding, um den Zeppelinplatz herum, sind am späten Vormittag die Überreste vom Feuerwerk noch nicht geräumt. Die leeren Papphülsen nicht und auch nicht die Blindgänger. Wenn man die findet und kein Erwachsener guckt, dann kann man noch ein bisschen Feuerwerk machen. „Wir ha’m auch was gefunden“, wird das kleine Mädchen zehn, zwölf Stunden später einer Polizistin zutuscheln, „aber das darfst du der Mama nicht erzählen!“ Die Polizistin wird das versprechen. Was sie mit der Kleinen zu bereden hat, geht nicht um kleine Kindersünden. Es geht um das Schlimmste, was einem kleinen Mädchen angetan werden kann. Wer das aufklären will, muss als Erstes Vertrauen gewinnen.

Am Neujahrsvormittag dürfen Amina und Nori raus auf den Zeppelinplatz. Die Mama hat Amina eingeschärft, niemals allein mit Fremden mitzugehen, und sie spielen ja praktisch vor dem Haus. Sie heißen nicht wirklich Amina und Nori, und die Gegend ist auch nicht der Zeppelinplatz, aber sie sind ein sechsjähriges Mädchen und ihr achtjähriger großer Bruder. Und mindestens ein Erwachsener guckt. Der schimpft aber nicht, der spricht sie freundlich an. Ob sie nicht mitkommen wollen. Zu ihm nach Hause. Er habe da noch mehr Knaller. Und was Kinder sonst noch verlockend finden. Sie gehen mit. Ein paar Straßen weiter. Erst links lang, dann rechts um die Ecke, da ist die Straße geteilt durch einen Grünstreifen mit Bänken und Büschen und Turngeräten, dann noch mal links. Der große Bruder ist ja dabei. Ein paar Leute sind auch auf der Straße. Und gegenüber dem Haus, in dem der Mann wohnt, liegt ja die Kita.

Um sechs Uhr abends beginnt im Polizeiabschnitt in der Oudenarder Straße der Dienst für Gaby Strahlendorf. Die C-Schicht hofft auf zwölf halbwegs unaufregende Stunden. Auch Polizisten feiern und prosten ins neue Jahr hinein. Um halb sieben kommt der Wachleiter mit einem Auftrag vom Lagedienst der Direktion. „Fahr mal hin, ’n sechsjähriges Mädchen, da kommst du als Frau am besten ran.“ Die Anzeige ist aus dem Klinikum Rudolf Virchow. Stichwort: Verdacht auf Vergewaltigung. „Keiner fährt gern zu Einsätzen wegen Sexualdelikten, und schon gar nicht mit einem Kind.“ Aber sie ist nun mal in der C-Schicht „die einzige Mutti“, erklärt Gaby Strahlendorf jetzt, zehn Jahre später. Wenn sie „Mutti“ sagt, darf man sich nichts Gluckenhaft-Ängstliches vorstellen. Sicher, sie hat zwei Söhne, aber sie hat vor allem etwas Robust-Zupackendes, das Gardemaß, das mancher Kollege gern hätte, und lange blonde Locken.

Gaby Strahlendorf ist Mitte dreißig und seit fast zwanzig Jahren Polizistin im Streifendienst oder am Funktisch. „Und es stimmt ja“, räumt sie ein, „Frauen wirken auf Kinder anders.“ Sie fährt sofort hin. „In der gynäkologischen Notaufnahme waren Schwestern, Ärztinnen, alles Frauen, dann die Mutter und die Kleine“, erinnert sie sich. Jetzt kommt’s drauf an. Reagiert Amina auf Gaby abwehrend? „Sie wuselte erst durch die Gegend, guckte mich an – ’ne Frau, Uniform, lange Haare, ich hab mich mit dem Vornamen vorgestellt, wir haben ein bisschen gelacht zusammen.“ Der Funke springt über. Amina fasst Zutrauen. Die Polizistin hat keine Berührungsscheu. „Zwischendurch hat sie sich bei mir auf den Schoß gesetzt und angekuschelt, ich hab ihr erklärt, dass hier nichts passiert, was sie nicht erträgt und nicht mitmachen will.“

Aminas Mutter sitzt wie erschlagen dabei. Die Kinder waren seltsam zugeknöpft nach Hause gekommen. Nori schweigsam. Amina auffallend still. Bis sie nachmittags die Schmerzen nicht mehr aushält. Sagt, wo es ihr wehtut. Im Kopf der Mutter nimmt ein Albtraum reale Züge an. Sie hat gerade noch genug Kraft, Aminas blutige Unterwäsche in eine Tüte zu packen und mit ihr ins Virchow zu laufen. Für die Polizistin heißt es jetzt erst mal: Sicherstellen, dass ein Verbrechen stattgefunden hat. Denn dann muss sofort die Kripo dazukommen und die Ermittlung aufnehmen. Kühle Routine, aber Fundament für alles, was auch dem Opfer guttut. Für Amina heißt es Bekanntschaft mit einem Gerät, vor dem es selbst erwachsenen Frauen graut: dem gynäkologischen Untersuchungsstuhl. „Die Untersuchung war für sie ein ganz fürchterlicher Horror, sie hat gebrüllt vor Schmerzen“, sagt Gaby Strahlendorf leise. Amina erträgt keine Berührung, die Ärztin kann die Zone zwischen ihren Beinen nur in Augenschein nehmen, aber schon der bestätigt: die kleine Vulva ist verletzt, jemand hat da mit Gewalt etwas eingeführt, was auch immer. Salbe auftragen geht gerade noch.

Gaby Strahlendorf alarmiert VB I, die Kripo der Direktion. Die beiden Kommissare bringen eine junge Kollegin mit. „Jung, blond, noch Anfängerin, aber sie ist sofort gut klargekommen mit der Kleinen.“ Und tut das Richtige: steigt ein in das, was die Schutzpolizistin schon aufgebaut hat, die so viel erfahrener ist, aber eigentlich nicht fürs Ermitteln zuständig. Vier, fünf Stunden verbringen die beiden Frauen mit Amina in einem abgeschirmten Extraraum mit Bett und Stuhl. Kuscheln mit ihr, kichern. „Wir haben teilweise richtig – ja, rumgeblödelt mit ihr, um sie auch wieder abzulenken.“ Und behutsam möglichst viele Puzzlestückchen zu erfragen. Mit einer Hand spielen, mit der anderen möglichst wörtlich mitschreiben. „Wie erklärt mir ein sechsjähriges Kind, ob es zum Samenerguss gekommen ist?“ Sie schaffen auch das: „,Da kam so komisches weißes schlabberiges Zeug vorn raus‘, hat sie beschrieben.“ Nach und nach setzt sich das Bild zusammen. Der Mann hat erst Nori, den kleinen „großen Bruder“, ausgeschaltet, bedroht und vor den Fernseher gesetzt und sich dann über Amina hergemacht. Sie hat geweint und sich gewehrt, sie wollte nicht angefasst werden und nichts unten reingesteckt kriegen, schon gar nicht seinen Penis, sie wollte den auch nicht in den Mund nehmen oder streicheln. Sie wollte nur weg. Wenigstens das durften beide Kinder endlich. Mit der Drohung, das „etwas Schlimmes passiert, wenn sie davon erzählen“.

Zwischendurch geht mal die eine, mal die andere Polizistin raus und gibt Puzzleteile an die Ermittler weiter. Und dann hat Gaby Strahlendorf eine geniale Idee. Sie spielt mit Amina eine Art virtuelle Tatortbegehung. Welchen Weg sind sie gegangen? Wo runter vom Platz, wo nach links, wo nach rechts, war da was, was ihr aufgefallen ist? Und in der Wohnung? Wie kam man da rein? „Kinder beschreiben unheimlich genau, die merken sich Details, auf die Erwachsene gar nicht achten.“ Und Gaby Strahlendorf kennt ihren Kiez. Sie hat bald zwei, drei bestimmte Häuser im Visier. Ruft den Kollegen am Funktisch der Direktion an. Das Haus muss Quergebäude haben, die Kinder sind in einen Seitenflügel gegangen. Vier Treppen hoch. Der Funker kennt den Kiez auch. Hat schnell raus, dass zwei Häuser wegfallen – keine Hinterhöfe. Wühlt sich fast eine Stunde lang im Computer durch Einwohnermeldedateien und das Informationssystem Verbrechensbekämpfung (ISVB) der Polizei. Dann hat er einen Mann, auf den Aminas Beschreibung passt. Einschlägig bekannt. Ein wunderbarer Erfolg. Die Kripo nimmt ihn noch in der Nacht fest, während Gaby Strahlendorf mit Amina die versprochene Runde im Funkwagen dreht, mit Blaulicht, und ihr erleichtert sagen kann: „Mäuschen, du hast das toll gemacht, wir haben den aus dem Verkehr gezogen, der wird dir das nicht mehr antun.“ Bevor sie zurück in den Abschnitt fährt und die Anzeige schreibt. So präzis und detailliert, dass sich später Kollegen vom Landeskriminalamt bedanken. Sie hat wesentlich zum kurzen Prozess gegen den Täter beigetragen.

Die Festnahme ist ein Erfolg für alle. Und die größte Chance für die Opfer von Verbrechen: Es ist vorbei, die Wunden können heilen. Auch für Gaby Strahlendorf rückt der Fall, ihr Einstand zum neuen Jahr, wieder ferner. Verschwindet zwischen tausend anderen menschlichen Katastrophen, die ihre Arbeit ausmachen, und allerlei Krisen und Konflikten, die jedermanns Privatleben sonst so zu bieten hat. Eines viel späteren Tages sitzt sie selbst am Funktisch und sieht aus dem Augenwinkel eine Frau nebenan in der Wache, die ihr bekannt vorkommt. Der Wachleiter legt ihr eine Vermisstenanzeige hin. „Ich lese den Namen, gucke mir das Bild an – und sage: Die kennen wir.“ Die ganze Wucht von damals ist wieder da, erfasst auch die Kollegen. Das ist die Amina vom Neujahrstag vor sieben Jahren. Stimmt, sagt der, der die Anzeige aufgenommen hat, die Mutter hat erzählt, dass die Tochter mit sechs vergewaltigt wurde. Und nach und nach setzt sich ein neues, grausames Puzzle zusammen. Amina ist noch mehrmals Opfer sexueller Gewalt geworden, hat die Schule geschmissen, geht auf ihre Mutter los, ist immer wieder auf Trebe, wird an Orten aufgegriffen, an denen es Ärger mit Jugendlichen gibt. „Richtig aus der Bahn geworfen.“

Auch für Gaby Strahlendorf ist der ganze Fall seitdem eine Wunde. „Wenn ich daran denke, wie das alles abgelaufen ist da im Krankenhaus – ist immer noch irgendwie unwirklich, wie ein Kind, dem so was Schlimmes widerfahren ist, auch lachen konnte und fröhlich sein konnte und im nächsten Moment wieder mit Tränen in den Augen vor einem gesessen hat und wieder ’n Stückchen erzählt hat ...“, dann wird ihre Stimme ganz schmal und heiser. Aus Empathie mit dem Opfer und aus tiefem Zorn über die Grenzen ihres Berufs. „Damals ist in dem Kind was kaputtgegangen, was damit endete, dass ich sie wieder auf dem Tisch zu liegen hatte, als Vorgang in einer Vermisstensache.“

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