Berliner Verbrechen : Schnauze – oder auf die Fresse!

Beleidigungen, Drohungen und Angriffe – das gehört in Amtsstuben und auf den Straßen zum Alltag für die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst. Krimi-Autorin Pieke Biermann erzählt wahre Fälle.

Pieke Biermann

Sie sind doch total bescheuert“, zetert der junge Mann, während er widerwillig vom Rennrad steigt. „Total bescheuert. Echt!“

Es ist ein bisschen kühl und windig, aber kein typischer finster-grauer Novembertag, an dem Übellaunigkeit praktisch im Kalender steht. Sogar die Sonne schafft es hin und wieder durch die Wolken. Die City-West von der Uhlandstraße den Ku’Damm entlang und die Tauentzien hinunter bis zum KaDeWe, ist belebt. Die Gehwege sind voll. Leute knubbeln sich an Bushaltestellen und Ampeln, Rollstuhlfahrer und Fußgänger mit Einkaufstüten, Kinderwagen, Hunden, Rollkoffern zwängen sich durch schmale Spalte zwischen Schaufensterfassaden und Bauzäunen. Und eben jener Radfahrer. „Guten Tag, Ordnungsamt Charlottenburg-Wilmersdorf, halten Sie mal bitte an?“, hat Beate Arbeiter ihn höflich angesprochen. Aber Höflichkeit will er nicht. Er will auch keine Erklärung, warum Radfahren auf Gehwegen eine Ordnungswidrigkeit ist und im einfachsten Fall fünf Euro kostet. Er will seine ganze Verachtung loswerden. Verachtung für Autofahrer, die die Luft verpesten. Verachtung für Leute, die ihn „mit Repression überziehen“, anstatt ihn zu loben, weil er so politisch korrekt Rad fährt.

Beate Arbeiter ist Mitarbeiterin beim Allgemeinen Ordnungsdienst des Bezirksamts und mit ihrer Kollegin Kathrin Harz die täglichen sechs, sieben Stunden unterwegs. Sie sind zuständig für sichere, geordnete Abläufe im öffentlichen Raum. Flyer-Verteiler, Straßenhändler und -musikanten brauchen eine Genehmigung für ihr Tun. Hunde gehören an die Leine, ihre Haufen weggemacht, Kneipentische und -stühle nicht wild über den ganzen Bürgersteig verstreut und fahrende Räder und stehende Autos überhaupt nicht auf das Terrain, das den schwächsten Verkehrsteilnehmern vorbehalten ist, den Gehweg.

Sie lassen den Radler eine Weile weiterschimpfen. „Wollen Sie so weitermachen?“, fragt Beate Arbeiter schließlich in seine Suada hinein. „Dann würden wir Ihre Personalien aufnehmen und einen Funkwagen rufen ...“ Der Mann ist vom Beleidigen nicht mehr weit entfernt. Kathrin Harz zuckt die Schultern. Es ist ihr täglich Brot. Sie haben sich eine undurchlässige Haut zugelegt, an der viel abperlt. „Muss schon hart kommen – Nutte oder Straßenweiber“, sagt sie. Sowas kostet schnell mal tausend Euro. „Radfahrer sind die schlimmsten“, ist ihre Erfahrung, vor allem in Fußgängerzonen. „Da gehen wir meistens in mehreren Teams durch und müssen oft die Polizei rufen.“

„Hier haben Sie Ihre Scheiß-Fünf-Euro.“ Der Radler schmeißt Beate Arbeiter einen Schein vor die Füße. Sie füllt eine Quittung aus und flötet extra lieblich: „Bitte schön.“ Die einzige Spitze, die sie sich erlaubt. Sein „Sie sollten sich schämen. Für Ihren Beruf“ verweht mit dem nächsten Windstoß. Vor lauter Selbstgerechtigkeit hat er gar nicht mitbekommen, dass sie ihm auch zwanzig Euro hätten aufbrummen können, weil er andere gefährdet und zum Wegspringen genötigt hat. „Der hat Glück gehabt, dass die Polizei das Rad nicht gesehen hat“, sagt Kathrin Harz. „Damit darf er gar nicht auf die Fahrbahn.“

Es geht nicht immer mit verbalen Attacken ab. Es kommt vor, erzählt Beate Arbeiter, dass der Autofahrer, dem man ein Knöllchen an die Scheibe klemmen will, einem über den Fuß fährt. Oder jemand im Park mit einem Messer hinter einem herrennt. 31 verletzte Mitarbeiter hatten allein die bezirklichen Ordnungsämter 2007. Bei Polizei, Feuerwehr und BVG sind die Zahlen entschieden drastischer. Aber auch rüdes Klima macht marode. Es setzt sich zusammen aus vielen winzigen Partikeln. In der Mittagspause zischt jemand aus der Schlange im Supermarkt, man solle gefälligst verhungern, anstatt sich was zu essen zu kaufen. Zwei Bengel, denen man die Handzettel abgenommen hat, gefallen sich in debilem Gekicher und Kraftausdrücken, nuscheln Adressen und kontern auf die Bitte, deutlicher zu reden, mit einem coolen: „Beleidigen Sie uns etwa, weil wir Ausländer sind?“

Beide Frauen machen ihren Job gern, sie haben auch keine Angst vor Parks mit entfesselten Kampfhunden. Aber es frustriert, dass die alle brav angeleint und maulkorbbewehrt sind, sobald der blau-weiße Smart in der Nähe parkt. Und kaum ist er weg, rufen wieder verängstigte Eltern an und beschreiben dieselben Hunde, die zähnefletschend und leinenlos auf ihre Kinder zustürmen. „Auch ''bitte'' hilft oft gar nicht mehr“, sagt Beate Arbeiter. „Aber wenn man den Leuten ans Geld geht, dann rasten sie aus.“

Wenn gutes Benehmen nichts mehr gilt und nur noch Geld ernst genommen wird, müsste das Klima da, wo es den Bürgern heftiger ans Geld geht, besonders aggressiv sein: im Finanzamt, Abteilung Vollstreckung. „Erhebung“ heißt die heute beschwichtigend. „Richtig aggressiv – nein, das kann man nicht sagen“, winkt deren Leiter für Mitte-Tiergarten, Jürgen Waga, ab. „Gefrustet über die wirtschaftliche Situation, das ja, gereizter.“ Auf etwa zwei pro Jahr schätzt der Steueramtsrat die handgreiflichen Attacken in Berliner Finanzämtern. Er selbst erinnert sich an „einen Herrn, der drohte, mit der Kalaschnikow wiederzukommen, wenn sein Bankkonto weiter gepfändet wird.“ Eine Tür wollte er auch eintreten, und dem Amtsvorsteher empfahl er, „ab sofort jeden seiner Schritte genau zu bedenken“. Wagas Außendienstler kriegen eher mal was ab, auch rassistische Kanonaden: „Ihr Deutschen seid ein Scheißvolk, Parasiten, die man zertreten muss.“ Jener Kanonier gab sich auch als „Al-Qaida-Führer“ aus, „mit guten Waffenhandelsbeziehungen nach Pakistan“. Ein anderer, dem der Fernseher gepfändet werden sollte, stach dem Vollzieher die Finger in die Schläfe, „titulierte ihn als ''Kartoffelkopf'', und wenn er den Fernseher nur berühre, sei er tot“, liest Waga aus den Akten mit den letzten Zwischenfällen vor. Aus der Wohnung lassen wollte er ihn auch nicht. „Sowas gibt natürlich eine Strafanzeige. Das ist Widerstand, Freiheitsberaubung, Bedrohung, Beleidigung.“ Im Allgemeinen aber läuft der Laden unaufregend. Die Außendienstler sind deeskalationsgeschult, und wenn sie bei einem muslimischen Schuldner zu Hause pfänden gehen, ziehen sie auch mal die Schuhe aus oder Krankenhaus-Überzieher drüber. Sie müssen das nicht, sie tun es, wenn die Stimmung kooperativ und friedlich ist. So wie sie die Feiertage religiös empfindlicher Menschen beachten. Man muss ja nicht unbedingt während des Ramadan die Möbel abholen, wenn die Nerven aus Fastengründen blank liegen. So, sagt Waga, wird schon viel eventuelle Bambule vermieden. Den Rest nennt er in schöner preußischer Nüchternheit „Einzelfälle, die auch wohl immer wieder vorkommen werden“.

Ganz anders die Situation in den Berliner Jobcentern. Hier, wo nicht der Staat Geld von seinen Bürgern will, sondern umgekehrt, ist das Klima deutlich aggressiver. Wer sich am Monatsanfang mal morgens um kurz vor halb neun in die zig Meter lange Schlange vor einem der großen Jobcenter stellt, kann das körperlich spüren. Er wird mit dem Knäuel durch die Tür gequetscht, von einem der Wachleute nach rechts oder links geschickt, je nachdem. Dort steht man an Schaltern oder wartet, bis die nächste Tür aufgeht und die Menschenmenge „tröpfchenweise“ in die Halle mit einem Dutzend weiterer Schalter darf. Die Mitarbeiter haben Taktvorgaben, wie schnell die Kundschaft abgefertigt werden muss, und sind gehalten, möglichst viel schon hier unten zu erledigen – Belege, Geburtsurkunden, Zeugnisse müssen nicht unbedingt persönlich zum Sachbearbeiter getragen werden, den man mit gut zweihundert anderen teilt. Der Geräuschpegel ist mietminderungsfähig. Hier entlädt sich auch der meiste Frust, erzählt Karen Gresch. Sie ist einerseits froh, weiter oben in der Leistungsabteilung zu arbeiten. Andererseits ist die Halle ein offener Raum und stehen die Wachschützer in greifbarer Nähe. Oben sitzen die Mitarbeiter allein oder zu zweit in diskret geschlossenen Zimmern, genehmigen Geld oder eben nicht und bieten Jobs oder Aus- und Fortbildungsmaßnahmen feil. Bevor ein Kunde hier oben ankommt, hat er oft stundenlang gewartet, draußen vor der Tür, vor dem Schalter und im Warteraum zwischen streitenden Familien und plärrenden Kindern vor dem Großraumbüro. Ist es da ein Wunder, dass er explodiert, wenn er oben erfährt, dass seine Nebenkostenabrechnung immer noch nach Manipulation riecht und er die Miete nicht bewilligt bekommt? Für Karen Gresch nicht. Sie steckt beinah täglich alles mögliche ein: „Bis zur Gossensprache – Fotze, fettes Schwein, und eine hat mal Hitler-Sau zu mir gesagt, das war ganz schlimm.“ Sie hat miterlebt, wie jemand einen Kollegen angefallen hat. „Richtig auf den draufgesprungen ist der und hat tierisch gebrüllt. Vier Leute mussten den festhalten.“

Wie verarbeitet man sowas? „Wolle kaufen, stricken“, lacht sie, leicht sarkastisch, und lenkt den Blick auf etwas anderes. „Ich bin als selbstbewusste Tochter erzogen worden, und dauernd mitanzusehen, wie Männer hier die Frauen kleinmachen – das ist für mich schlimmer als Türknallen.“ Es sickert leise ein. So wie die Drohungen, die sie immer wieder hören: „Ich weiß ja, wann du hier rauskommst ...“

Auch Ursula Krumpholz nimmt deshalb immer mal wieder eine Kollegin im Auto mit. Sie ist seit über drei Jahren in der Vermittlung und hat „nur“ gut hundert Kunden. Die sind unter 25 Jahre alt und mehr oder weniger schwer behindert. Die Arbeit mit ihnen ist etwas umständlicher und zeitintensiver – Gehörlose zum Beispiel brauchen einen Gebärdendolmetscher, bei anderen muss der gerichtliche Betreuer eingeschaltet werden. Erfahrungen mit handfester Aggression hat Ursula Krumpholz mehrmals mit Erwachsenen gemacht, als ihr Arbeitsplatz noch Arbeitsamt hieß. Einmal bekam sie in Vertretung einer Kollegin einen Mann geschickt, der gedroht hatte: „Der Alten hau ich ''ne Schere in den Bauch, dann komm ich in den Knast und meine Alte ist versorgt.“ Sie holte sich den Chef dazu, schaffte es, den Kunden runterkühlen, und hatte ihn, als sie Monate später den Flur entlangging, fast vergessen: „Da springt jemand auf wie von der Tarantel gestochen, hält mir seine Hand vor den Bauch, so wie man einen Revolver zieht, und begrüßt mich mit Namen.“ Das war gar nicht böse gemeint. Er hatte sich einfach daran erinnert, dass sie so nett auf ihn eingegangen war. Damals hat sie Tage gebraucht, sich selbst wieder runterzukühlen. Bei aufgebrachten, ausrastenden Kunden sind oft nur ein paar Extra-Minuten nötig. Zeit, die man eigentlich nicht hat. „Aber wenn einer aggressiv ist, tu ich auch meinem Zeitbudget das Beste, wenn ich dem alle Zeit gebe, damit er wieder runterkommt. Alles andere kostet hinterher noch mehr.“ Mehr Zeit, mehr Geld, höhere Krankenstände und mehr Opfer von Angriffen.

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