Berlins Unerziehbare : Im Extremfall gibt es Stubenarrest

In Berlin gibt es keine geschlossenen Heime für für kriminelle Kinder. Bisher werden sie in Brandenburg in offene Heime geschickt. Jetzt wird für Schwererziehbare eine "verbindliche Einrichtung" geschaffen. Dort droht auch Stubenarrest und ähnliches.

K. Füchsel/A. Kögel

Eines dürfte bereits feststehen: Berlin wird keinen Kinderknast, kein Heim mit Gittern vor den Fenstern einrichten. Wann ein Heim als geschlossen gilt, hängt nicht zuletzt von der politischen Ausrichtung der jeweiligen Landesregierung ab: Die CDU-CSU-Domänen Baden-Württemberg und Bayern haben ihre geschlossenen Heime nie abgeschafft, Hamburg führte sie 2003 nach dem Wahlsieg der Union wieder ein. Berlin lehnt geschlossene Heime dagegen kategorisch ab. Auch in den neuen Bundesländern hat man sich gegen das Konzept entschieden.

Doch angesichts einer Klientel, die in immer jüngeren Jahren immer extremere Taten begeht, soll jetzt, wie berichtet, auch für kriminelle Kinder aus Berlin eine „verbindliche Einrichtung“ in Brandenburg geschaffen werden. In dem Heim für sechs Kinder sollen Betreuer schon mal Stubenarrest verhängen oder die Schwererziehbaren in ihren Zimmern einschließen können, sagt Siegfried Dreusicke vom diakonischen Betreiber, der EJF-Lazarus-Gesellschaft. Das ist in Heimen und Wohngruppen bislang nur nach langwierigen Antragsverfahren per Gerichtsbeschluss möglich. Offen, geschlossen, verbindlich – was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen?

In der Praxis sind die Grenzen fließend, schon die geschlossenen Heime unterschieden sich in der Praxis deutlich. Manche ähneln einem mit viel Elektronik gesicherten Gefängnis, andere einem offenen Heim. Als „Kinderknast“ bezeichnen Kritiker das Hamburger Modell, in das kriminelle Kinder auf gerichtlichen Beschluss hin untergebracht werden können. Sie müssen innerhalb der Mauern die Schule besuchen und sich individuelle Freiheiten „erarbeiten“. In die Schlagzeilen geriet das Heim, weil mehrere Jugendliche Mauern und Stacheldraht auf der Flucht überwunden hatten. Trotzdem: Hamburg und Bayern preisen ihre geschlossenen Heime als Erfolgsmodell.

Die Berliner schicken die meisten ihrer kriminellen Kinder und Jugendlichen nach Brandenburg – in offene Heime. Tatsächlich geht es hier aber oft ähnlich zu wie in geschlossenen Heimen. Denn viele der Einrichtungen sind weit abgelegen, an Weglaufen ist da kaum zu denken. An das strikte Verbot, das Gelände zu verlassen, halten sich die jungen Bewohner zumeist, weil sonst Sanktionen oder bei Älteren die Verlegung in die U-Haft drohen. Rund 20 Plätze für kriminelle Kinder gab es bislang in drei Brandenburger Heimen – was nach Ansicht der Berliner CDU-Fraktion aber nicht ausreicht. Jetzt kommen weitere acht Plätze, vor allem für Mädchen, in Groß Pinnow hinzu. Auch in Berlin gibt es eine Einrichtung, in der Sozialarbeiter zwölf kriminelle Kinder tagsüber betreuen.

Es sind Mädchen und Jungen, die über Straftaten Anerkennung suchen. Kinder, die selbst geschlagen oder missbraucht wurden, mit Drogen Trost suchten, selbst damit zu handeln begannen. Kinder, denen keine Grenzen gesetzt wurden und die nun Grenzen anderer überschreiten. Wenn sie Diebstähle, Raubtaten und Körperverletzungen begehen, deren Folgen sie oft nicht absehen können, werden die Jugendämter tätig. In Extremfällen wird sogar den Eltern das Sorgerecht entzogen und ein Pfleger bestellt – das kann auch das Jugendamt selbst sein. Der Vormund beschließt auch die Einweisung, etwa in die Psychiatrie oder eben in ein Heim.

Einzelheiten über das vom diakonischen Träger geplante Heim für strafunmündige Kinder sind bei der zuständigen Jugendverwaltung nicht zu erhalten. „Noch ist nichts entschieden“, sagt Behördensprecher Kenneth Frisse. Nach seinem Urlaub werde Senator Jürgen Zöllner (SPD) die derzeit entstehenden Vorschläge und Konzepte prüfen. Wie berichtet, hatte Zöllner nach dem Fall des 13-jährigen Serientäters Adnan seine Verwaltung sowie die freien Träger beauftragt, verschiedene intensive Therapien für Kinder und Jugendliche zu prüfen. Auch Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) wollte sich gestern zu den neuen Plänen nicht äußern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben