Betrug : "Er wirkte sicher, souverän und sehr seriös"

Ein 67-jähriger Textilhändler stand wegen Betruges in 27 Fällen vor Gericht. Er wurde zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Kerstin Gehrke

Der Mann ist kontaktfreudig und kann reden. „Es machte Freude, mit ihm zu plaudern“, erzählte beispielsweise eine 54-jährige Künstlerin vor Gericht. Es sei für ihn eine leichte Übung, mit dramatischen Geschichten Empathie zu wecken. „Mein Helfersyndrom kam durch“, sagte eine Steuerberaterin, 63. Und er kann als gewiefter Geschäftsmann auftreten. „Er wirkte sicher, souverän und sehr seriös“, sagte ein 43-jähriger Zeuge. Sie alle sind dem mehrfach vorbestraften Bernhard D. auf den Leim gegangen. Gestern saß er erneut auf der Anklagebank.

Der gelernte Textilhändler ist 67 Jahre alt, trägt einen grauen Bart und eine Goldrandbrille. Diesmal ging es um insgesamt 242 000 Euro, die er zwischen 2004 und 2007 von zwei Frauen und zwei Männern erschlichen haben soll. Vor den Richtern zeigte sich der Hochstapler allerdings nicht sehr gesprächig. Über seine Verteidigerin legte er ein knappes, aber umfassendes Geständnis ab. Bernhard D. „bedauere zutiefst“, hieß es in der Erklärung. Er habe das Geld für sich verbraucht, in hochspekulative Geschäfte gesteckt – und verloren.

Bernhard D. duckte sich leicht, als die erste Zeugin auftrat. Er hatte die dunkelhaarige Künstlerin lange umgarnt. Dabei habe er nicht aufdringlich gewirkt. Bernhard D. kam zu ihr ins Atelier, fragte nach einem Bild, plauderte über Kunst, Geschichte oder sein angebliches soziales Engagement. Nach und nach flossen bei den Besuchen private Bemerkungen wie „Sie sehen gut aus“ oder „Sie wirken müde“ ein. Irgendwann kam er hektisch in den Laden: „Ich bin sehr betroffen, habe Geldprobleme – 3000 Euro.“

Die Künstlerin hob damals abwehrend die Hände. Bernhard D. spürte, dass es zu früh war fürs Anzapfen. Er wechselte schnell das Thema. „Mit seinem wundervollen Humor konnte er jede Situation auch wieder entschärfen“, sagte die Künstlerin. Der Betrüger setzte auf Zeit. Bis die Frau „nicht kleinlich“ sein wollte und ihm bei einem seiner kurzweiligen Besuche die ersten 500 Euro gab. Sie glaubte ihm, dass er Decken oder Milchpulver in Katastrophengebiete transportieren wollte. Sie fühlte sich geliebt. Sie begriff viel zu spät: „Er installiert sich in einem Menschen, macht sich breit – das ist das Wesen eines Schmarotzers.“

Parallel zur Künstlerin nahm er eine Steuerberaterin aus, die er seit seiner Jugend kannte. Als eine Art Ersatzvater hatte ihn ein Geschäftsmann akzeptiert, dem er eine Ladung Laptops verkaufen wollte. Am Ende war dieses Opfer 150 000 Euro los und musste Insolvenz anmelden. Seine Lügen untermauerte der Betrüger mit gefälschten Dokumenten. Er habe sich immer als großer Geschäftsmann beweisen wollen, sagte die Verteidigerin. „Er konnte sich in die Opfer einfühlen ohne mitzufühlen“, hieß es im Urteil. Gegen Bernhard D. ergingen wegen Betruges in 27 Fällen fünfeinhalb Jahre Gefängnis. Kerstin Gehrke

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