Polizei & Justiz : Blutspur führt zum Schwerverbrecher

Polizei hat verletzten Posträuber identifiziert. Der Mann ist hochgefährlich – und weiter flüchtig

Tanja Buntrock,André Görke

Die Polizei stürmte das Haus am Freitagmorgen, doch die Wohnung von Bernd Fredi Mersiowsky, 54, war leer. „Der Verdächte ist leider flüchtig“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Polizei fahndet jetzt mit Hochdruck nach diesem „dringend verdächtigen“ Mann. Denn Mersiowsky soll einer der Täter sein, die Montagfrüh den Wachmann Gerhard W. bei einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter in Reinickendorf töteten.

„Dieser Mann ist hochgefährlich“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Im Januar 1993 hatte Mersiowsky dem Chef einer Reinickendorfer „Woolworth“-Filiale aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Zu zwölf Jahren Haft wurde der Gewalttäter damals verurteilt; die Strafe wurde später auf zehn Jahre reduziert.

Das Spezialeinsatzkommando (SEK) brach Mersiowskys Wohnung in der Graf-Haeseler- Straße 6 um 10 Uhr auf; diese befindet sich im Kiez zwischen Eichborndamm und Scharnweberstraße – nordöstlich des Flughafens Tegel.

Die Polizei war dem Täter auf die Spur gekommen, weil er beim Schusswechsel mit dem Geldboten am Montag getroffen wurde und Blut verloren hatte. Mittels DNA-Abgleich wusste die Polizei, mit wem sie es zu tun hat: „Dieser Mann hat schon einmal zur Waffe gegriffen“, sagte ein Justizsprecher. Es sei möglich, dass Mersiowsky auch jetzt bewaffnet unterwegs ist. Ob er die tödlichen Schüsse abgefeuert hat, ist aber noch unklar.

Die Spurensicherung untersuchte bis zum Abend die Wohnung des Mannes in Reinickendorf. Das Fluchtauto – ein piniengrüner Audi A2, in dem massiv rote Farbe wegen der geplatzten Farbpatrone im Geldkoffer zu sehen sein muss – wurde noch nicht gefunden. Das Kennzeichen, das Zeugen der Polizei nach der Tat genannt hatten, war gefälscht.

Die Belohnung der Polizei, der Sicherheitsfirma Securlog und einer dritten Einrichtung, die nicht genannt werden möchte, ist jetzt auf 60 000 Euro erhöht worden. Aufgrund der kriminellen Vergangenheit des 1,67 Meter großen Mersiowsky warnt die Staatsanwalt eindringlich, dass „bloß niemand den Helden spielen soll!“. Wem der Mann auffällt, der sollte ihn weder ansprechen oder gar verfolgen, sondern die Polizei anrufen. Hinweise nimmt das zuständige Landeskriminalamt entgegen. Dessen Telefonnummer lautet: 4664 944113. Die Polizei sucht zudem mindestens zwei weitere Komplizen, die seit Montag rote Farbspuren an Körper oder Kleidung tragen. Die Polizei hofft auf Tipps aus der Szene.

Der Verdächtige war im Sommer 1992 arbeitslos geworden und fing an zu trinken. Am 29. Januar 1993, gegen 13 Uhr, überfiel er schließlich die Kaufhausfiliale von „Woolworth“ in der Residenzstraße, die ebenfalls in Reinickendorf liegt: Er bedrohte – wie auch am vorigen Montag mit einer Perücke verkleidet – einen Angestellten mit einer Waffe, ließ sich zum Chef führen, um an das Geld im Tresor zu gelangen. Der Filialleiter, den er schließlich antraf, war 1,96 Meter groß, was den Täter „sicherlich überrascht“ habe, so das Gericht damals. Wie der Tagesspiegel damals berichtete, habe Mersiowsky dem Chef „aus knapp zwei Metern Entfernung in dessen linke Schläfe“ geschossen. Ohne Beute war er schließlich weggerannt, wurde aber von drei Kaufhausdetektiven gestellt – diese habe er zuvor ebenfalls beschossen; einer wurde an der Hand getroffen. Das Gericht billigte dem damals 39-Jährigen zu, vermindert schuldfähig zu sein. Er hatte zuvor „eine Flasche Magenbitter“ getrunken, sich mit dem Bruder gestritten und bei der Tat 2,6 Promille im Blut. Sein Opfer musste seither mit einem „quälenden Geräusch“ leben; der Filialleiter war somit schwerbehindert. Was Mersiowsky – gelernter Steinmetz– seit seiner Haftentlassung 2003 getan hat, konnte die Staatsanwaltschaft nicht sagen.

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