Brände in Hausfluren : Nachts wird in Neukölln gefahndet

Ein dutzend Mal brannte es in den vergangenen Tagen im Norden des Bezirks in Hausfluren. Feuerwehr und Polizei arbeiten auf Hochtouren, im Kiez geht man von Nachahmungstätern aus.

von und
Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage. Ein 29 Jahre alter Zeitungsausträger aus Neukölln hatte gestanden, aus "Schwabenhass" Kinderwagen in Brand gesteckt zu haben.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
06.01.2012 19:08Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst....

Es sieht nach einer Falle aus. Die Haustür in der Neuköllner Kirchhofstraße steht in der Nacht zu Dienstag weit offen. Das Licht im Flur ist an, weithin sichtbar sind drei alte Kinderwagen vor der Treppe abgestellt. Als wären in den vergangenen Tagen nicht immer wieder Kinderwagen in Hausfluren rund um die Kirchhofstraße angezündet worden. Als hätten Unbekannte hier im Norden Neuköllns nicht in einem Dutzend Treppenhäuser gezündelt. Und auch zwei Aufgänge weiter ist die Haustür nur angelehnt, im Flur brennt Licht, unter den Briefkästen stapeln sich alte Werbeprospekte. Vielleicht stehen die Türen offen, weil in der Kirchhofstraße die für Nordneukölln zuständige Feuerwache liegt, weil sich die Anwohner sicher fühlen. Vielleicht aber lauern Fahnder in der Nähe und beobachten die seltsam leere Straße. Vielleicht hoffen die Ermittler, dass ein ausgeleuchtetes Treppenhaus samt leicht entzündbarer Kinderwagen die unbekannten Brandstifter anlocken könnte.

Fest steht: Die Suche nach den Verantwortlichen der Brände der vergangenen Tage läuft auf Hochtouren. Zwei Fußminuten weiter, am Bahnhof Neukölln, ist in dieser Nacht ein riesiges Feuerwehrfahrzeug vorgefahren, daneben stehen eine Polizeistreife und ein Notarztwagen. Ein Mann, zottelig und verschrammt, liegt in einer Lache, die sich eher aus Bier als aus Blut gebildet haben dürfte. Eine Frau kommt nach der Spätschicht aus der S-Bahn: „Nach den Bränden wundert mich nicht, dass die bei jeder Kleinigkeit mit so vielen Leuten anrücken.“ Die Feuerwehr fährt nach ein paar Minuten in die Kirchhofstraße zurück.

Weiter östlich, in der ruhigen Richardstraße im alten Rixdorf, das in Nordneukölln fast schon als Insel der Besserverdienenden gehandelt wird, sind auf fast einem Kilometer alle Türen verschlossen. Hier hatte es am Wochenende zuletzt im Aufgang Nummer 65 gebrannt. Rund um das nahe Rathaus Neukölln sind die Bürgersteige auch nachts voller. Hier gibt es inzwischen viele Studenten-WGs. Eine junge Frau erzählt, wie sie vergangenes Jahr von einer Party nach Hause kam und im Treppenhaus auf drei Jungs traf, die auf einen brennenden Papierkorb traten. „Das brannte schon, wir wollten es nur löschen“, hätten ihr die etwa Zwölfjährigen aufgeregt erzählt. Als sie die Feuerwehr rufen wollte, rannten die drei weg. „Und gerade jetzt guckt man schon genauer hin, wenn irgendwer vor dem Hauseingang steht“, sagt sie. Ein Raucher schaut aus einem Fenster im Erdgeschoss, er wohne „zum Glück“ ganz unten: „Da kommt man noch raus aus dem Haus, wenn’s brennt.“ Vor einem Spätkauf spekulieren ein paar Biertrinker darüber, wer die Hausflure angezündet haben könnte. Sie sind sich sicher, dass die Brände nicht vom selben Täter gelegt wurden. Etwas weiter sagt ein junger Türke: „Drei Tote! Da zündet doch niemand ein zweites Haus an, selbst wenn er noch ein Kind ist, oder?“

Das Landeskriminalamt will trotz der ähnlichen Umstände der Taten nicht von einer Serie sprechen. Vergleichbare Vorfälle hatten in der Vergangenheit immer wieder Trittbrettfahrer zu Nachahmungstaten gereizt. Allein 2010 brannten 45 Kinderwagen in Berliner Treppenhäusern.

Ein im Hausflur abgestellter Kinderwagen war vor genau einer Woche auch in der Erlanger Straße 7 angesteckt worden. Fünf Mieter kamen wegen Rauchvergiftungen in eine Klinik, den Ruß kann man noch an diesem Dienstag riechen. Rund um die nur 300 Meter lange Erlanger Straße dreht ein Wagen mit getönten Scheiben seine Runden. Drinnen sitzen zwei Männer in Windjacken. Ihnen entgeht nicht, als ein junger Mann aus der Flughafenstraße kommend in die Erlanger Straße biegt. Sie fahren zügig um den Block und tauchen eine Minute später am anderen Ende der Straße wieder auf. So stellt man sich Zivilfahnder vor.

Die Brandstifter haben mehr als 250 Feuerwehrmänner in den vergangenen zehn Tagen in Neukölln auf Trab gehalten. Allein beim Einsatz am 12. März, als in der Sonnenallee drei Menschen – darunter ein Baby – starben, war fast eine Hundertschaft vor Ort. Wie viele Polizisten sich mit den Brandstiftungen in dem nur zwei Quadratkilometer großen Gebiet befassen, ist nicht bekannt. Nach den Toten ist eine „Ermittlungsgruppe Sonnenallee“ mit 37 Beamten eingerichtet worden. Hinzu kommen zahlreiche Zivilstreifen, offenbar auch Beamte aus anderen Stadtteilen, etwa Fahnder, die sich sonst um Graffiti-Schmierer kümmern. Man bemüht sich auch um Aufklärung unter Anwohnern.

Mehr als 80 Bereitschaftspolizisten sind seit Dienstag im Kiez unterwegs. Sie gehen von Haus zu Haus, von Geschäft zu Geschäft, von Tür zu Tür. Sie klingeln und kleben Hinweiszettel – auf deutsch und türkisch – in die Treppenhäuser. Auf den Aushängen werden die Bewohner aufgefordert, abends die Haustüren verschlossen zu halten, herumstehende Möbel und Abfallbehälter aus Kellern, Fluren und Treppen zu beseitigen. Außerdem wird dazu geraten, „Kinderwagen – sofern möglich – in einem abschließbaren Raum unterzubringen“. Die Polizisten schauen auch in Hinterhöfe. Nicht selten steht dort Gerümpel herum, alte Matratzen, kaputte Haushaltsgeräte. „Wir notieren das, sammeln all die Informationen und setzen uns dann mit den Hausverwaltungen in Verbindung“, sagt ein Beamter. Die Aufräumaktion soll bis Sonntag laufen.

Kurz vor dem Hermannplatz, in der Sonnenallee 18, liegen Blumen und Briefe auf dem Bürgersteig. Hier starben eine Frau und ihr Kind am Rauch der Flammen, ein Mann sprang in der Not aus dem Fenster und verunglückte tödlich. Etwas weiter die Straße runter hängt ein Fahndungsaufruf der Polizei. 25 000 Euro werden für Hinweise auf die Täter geboten. Viel Geld, gerade in Neukölln. In einer Bar, die mit fadem Neonlicht und äußerst günstigen Cocktails um Gäste wirbt, sitzt eine Frau vor einem vollen Aschenbecher. Sie sagt: „Drei Tote, 25 000 Euro Belohnung. Für die Jungs, die das gemacht haben, wird es eng.“

Autor

12 Kommentare

Neuester Kommentar