Brand in Philharmonie : Nach dem Feuer kam die Angst vor dem Wasser

Ein Feuer in der Berliner Philharmonie hat am Dienstag erhebliche Schäden am Dach des Gebäudes angerichtet. Die Feuerwehr kämpfte mit rund 150 Mann gegen den Schwelbrand. Nachdem das Feuer am Abend unter Kontrolle gebracht worden war, blieb die Sorge vor Schäden durch Löschwasser im Großen Konzertsaal.

Sebastian Leber

Der erste Anruf kam nicht von einem Musiker und auch nicht von einem Besucher. Bei der Feuerwehr meldete sich gestern um 13.57 Uhr ein Passant mit den Worten: "Da kommt Rauch aus einem gelben Gebäude in der Potsdamer Straße."

Erst um 22 Uhr beendete die Feuerwehr die Löscharbeiten an der Philharmonie, über Nacht sollte noch kontrolliert werden, ob einzelne Glutnester übersehen wurden. Der Schaden ist noch nicht absehbar. "Klar ist aber, dass es viel schlimmer hätte kommen können", sagte Intendantin Pamela Rosenberg. Nämlich dann, wenn der Brand nur eine Stunde später ausgebrochen wäre. Dann hätten bereits die Orchesterproben mit Chor für die Aufführung von Berlioz' "Te Deum" begonnen - mit 720 Mitwirkenden "und alleine 400 davon sind Kinder. Eine fürchterliche Vorstellung, was da hätte passieren können."

Zum Zeitpunkt des Brandes waren nur wenige Mitarbeiter im Haus. "So konnten wir uns voll um die Instrumente kümmern", sagte Orchestervorstand Peter Riegelbauer. Die Rettungsaktion beschrieb er so: "Erst das eigene Instrument, dann die der Kollegen". Etwa 50 wurden in den benachbarten Kammermusiksaal geschafft, der durch eine Brandwand von der Philharmonie getrennt ist. Auch das an die Ben-Gurion-Straße grenzende Musikinstrumentenmuseum war nicht betroffen.

Nachdem das Feuer um 18.55 Uhr unter Kontrolle gebracht worden war, blieb die Angst vor Schäden durch Löschwasser im Großen Konzertsaal. Vorsichtshalber wurden Stuhlreihen auf einigen Rängen mit Plastikfolien abgedeckt, falls in der Nacht Löschwasser in den Saal gelangen sollte.

Eine weitere gute Nachricht: Auch das Partituren-Archiv, in dem tausende wertvoller Notenblätter aufbewahrt werden, wurde nicht gefährdet.

In einer Besprechung am Abend einigten sich die Verantwortlichen darauf, dass die für Freitag, Sonnabend und Sonntag geplanten "Te Deum"-Konzerte stattfinden sollen - allerdings laut Peter Riegelbauer "sehr wahrscheinlich" an einem Ersatzort. Die Spielstätte soll heute bekannt gegeben werden, es soll sich aber weder um das Tempodrom in Kreuzberg noch um die Tretower Arena handeln, die zunächst im Gespräch waren. Der Schaden bei einem einzigen Konzertausfall wäre nach Philharmoniker-Angaben "sechsstellig".

Heute Mittag wollen die Intendantin, der Orchestervorstand sowie weitere enge Mitarbeiter mit Vertretern der Feuerwehr in der Philharmonie zusammentreffen, um zu erfahren, wann der große Konzertsaal wieder bespielbar ist. Experten werden Messungen vornehmen, wie viele Giftstoffe sich im Saal abgesetzt haben. Auch die Bauaufsicht wird sich das Gebäude ansehen.

Zur Ursache des Brandes macht die Polizei keine Angaben. Klar ist aber, dass seit gestern Vormittag auf dem Dach Ausbesserungsarbeiten vorgenommen wurden, bei denen auch Schweißgeräte zum Einsatz kamen. Mehr Gewissheit hat man darüber, welche Materialien brannten: über der tragenden Betondecke befinden sich Dämmmaterialien sowie eine Holzkonstruktion, auch die darüberliegende Teerpappe brannte. Gelb-bräunlicher Rauch stieg auf. Immer wieder forderte die Polizei über Megafon Passanten dazu auf, den Brandort zu verlassen. Schon kurz nach Ausbruch hatten sich hunderte Schaulustige auf der Potsdamer Straße, der Scharounstraße und auf dem gegenüberliegenden Matthäikirchplatz versammelt. Auch Kulturstaatssekretär André Schmitz kam zur Philharmonie. Er dankte der Feuerwehr für ihren Einsatz und äußerte die Hoffnung, dass der Schaden nicht allzu groß sei, schließlich sei der Scharoun-Bau ein Kulturdenkmal "wie sonst nur das Brandenburger Tor und die Gedächtniskirche".

Im Kammermusiksaal soll das heute angesetzte Konzert des Breuninger Quartetts wie geplant stattfinden. Das für Donnerstag im Konzertsaal vorgesehene Gastspiel der Münchner Philharmoniker wird verlegt, der Ort soll ebenfalls heute bekannt gegeben werden. Die für Ende nächster Woche geplante Aufführung von Hector Berlioz' "La Mort de Cléopâtre" unter der Leitung von Sir Simon Rattle kann möglicherweise bereits wieder im Konzertsaal stattfinden. Der Dirigent erfuhr gestern erst im Laufe des Nachmittags von dem Brand, er hält sich derzeit im französischen Aix-en-Provence auf, probt Wagners Siegfried für die Aufführung beim dortigen Musikfestival.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben