Brennende Autos : Anschläge auf die Mittelklasse

Unter den 15 zerstörten Fahrzeugen war kein einziges Luxusauto. Viele Besitzer müssen einen Teil der Schäden selbst bezahlen.

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Grafik: Fabian Bartel/Foto: Andreas Meyer
Grafik: Fabian Bartel/Foto: Andreas Meyer

In drei Jahren brannte in Charlottenburg-Wilmersdorf genau ein Auto aus politischen Gründen – in diesem Jahr ist der Bezirk überraschend zum neuen Lieblingsziel der linken Zündler geworden. 32 Autos sind hier in Flammen aufgegangen; etliche weitere wurden dabei in Mitleidenschaft gezogen.

In der Nacht zu Dienstag brannten im gut bürgerlichen Ortsteil Westend Fahrzeuge im Minutentakt. In der Nacht zu Mittwoch starteten der oder die Täter dann im Ortsteil Charlottenburg Nord. Die Serie begann um 0.20 Uhr am Heilmannring und zog sich über Halemweg zur Ohmstraße und von dort in die Pestalozzistraße in die City West. Zwischen 0.20 Uhr und 1 Uhr alarmierten Passanten und Anwohner die Feuerwehr und Polizei zu den brennenden Autos. Hier wurden im Heilmannring, dem Halemweg, der Ohm- und Pestalozzistraße zehn Autos in Brand gesetzt. Kurz vor 2 Uhr brannten dann zwei BMW in Moabit, wenige Meter neben der Grenze zu Charlottenburg Nord. Diese beiden werden anderen Tätern zugerechnet, hieß es. Von unpolitischen Tätern wurden ein BMW und ein Mofa in Lichtenberg angezündet.

Polizei und Staatsanwaltschaft setzten am Mittwoch bis zu 5000 Euro Belohnung aus. Die CDU des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf stockte die Belohnung um 2000 Euro auf. Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler, der Bezirksbürgermeister werden will, erklärte: „Es rächt sich, dass der Senat massiv Stellen bei der Polizei abgebaut hat.“ Der damalige Polizeipräsident Dieter Glietsch hatte vor zwei Jahren sogar 10 000 Euro ausgelobt. Derzeit werde geprüft, ob eine Zeugin einen Teil dieser Summe bekommt. Wie berichtet, hatte ihr Hinweis zur Verurteilung eines Zündlers geführt.

Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer vermutet in der Häufung einen Nachahmungseffekt der Straßenkrawalle von Großbritannien. „Das sind vermutlich Action-orientierte junge Männer, die mangelnde Erfolge im realen Leben kompensieren wollen“, sagte Pfeiffer der Nachrichtenagentur AFP. Berliner Experten bezweifelten, ob die Londoner Krawalle die Berliner Zündler animiert.

Auch in den letzten Nächten brannten kaum „Luxusfahrzeuge“, sondern vor allem Mittelklassewagen. Die Quote der „hochwertigen“ Fahrzeuge ist in diesem Jahr deutlich gesunken. Nur etwa 20 Prozent hatten nach Polizeiangaben einen Zeitwert von über 30 000 Euro. Im Jahr 2009 – bislang das Rekordjahr bei angezündeten Autos, waren noch über 60 Prozent „hochwertig“. Offensichtlich sei es den Zündlern egal, was sie anstecken, sagte ein Ermittler – und verwiesen auf das Mofa. Es trifft also keine Millionäre, sondern normale Menschen – vom türkischen Obsthändler bis zum Handwerker.

Wer nur die gesetzlich vorgeschriebene Haftpflichtversicherung hat, bleibt auf dem Schaden sitzen. Die Teilkaskoversicherung zahlt bei Feuer den Zeitwert des Wagens, auch wenn es Brandstiftung war. Als Brandstiftung gelten alle Schäden durch Flammen. Vandalismusschäden wie beispielsweise abgebrochene Spiegel oder zerschnittene Reifen ersetzt nur die Vollkaskoversicherung. Die Selbstbeteiligung muss der Versicherte in jedem Fall leisten. So klar diese Regeln scheinen – das Ganze kann im Detail doch noch verwirrend werden.

„Wenn zum Beispiel jemand wütend auf ein Auto einschlägt und es verbeult, es aber nicht abbrennt, dann ersetzt die Teilkasko nur den Glasbruch“, erklärt Christian Lübke vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die teuren Beulen muss der Geschädigte selbst glätten lassen. Zynischerweise könnte man sagen, dass bei Teilkasko derjenige besser dasteht, dessen Auto richtig ausbrennt. Lag im Auto etwas herum, das nicht unmittelbar dem Fahrbetrieb dient, so wird es nicht ersetzt. Das heißt: Handy und Laptop muss jeder selbst zahlen; hingegen Kindersitze, Reserverad und Radio werden ersetzt.

Werden nun die Versicherungen für alle teurer? Nein, heißt es einhellig aus der Branche. „Unmittelbar aus diesen Ereignissen heraus ist keine Prämienerhöhung zu erwarten“, formuliert Christian Weishuber, Sprecher Kfz-Versicherung bei der Allianz, vorsichtig. Versicherungsexperte Lübke hat nachgerechnet: „Im ganzen Jahr verzeichnen die Versicherer 15 000 Pkw-Brände. Das sind nur 0,4 Prozent der Fälle.“ Am häufigsten sei Glasbruch: Hier gibt es jedes Jahr 2,7 Millionen Fälle. Gar nicht zahlt die Versicherung in Falle „innerer Unruhen“. Dafür müssen sich aber „erhebliche Teile des Volkes“ auflehnen – ein paar Randalierer reichen nicht.

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