Charité-Prozess : Oberarzt hielt Mordverdacht für unbegründet

Im Gerichtsverfahren fand der Oberarzt überwiegend lobende Worte für die Krankenschwester Irene B.

Mordprozess Charité Foto: ddp
Der Prozess gegen die ehemalige Charité-Schwester geht weiter.Foto: ddp

Im Prozess gegen die frühere Charité-Schwester Irene B. wegen mehrfachen Mordes an Patienten ist vor dem Landgericht Berlin ein 41-jähriger Oberarzt als Zeuge gehört worden. Nach Aussage des Mediziners hatte er den von einem Pfleger Ende September geäußerten Mordverdacht gegen die Angeklagte für "unbegründet" gehalten, weil der Kollege "kein Augenzeuge" gewesen sei.

Im Zusammenhang mit dem Tod eines 77-jährigen Mannes im August 2006 hatte ein 42-jähriger Krankenpfleger beobachtet, wie Irene B. dem todkranken Patienten etwas "spritzte" und kurz darauf eine entsprechende Ampulle im Papierkorb gefunden. Diese "Merkwürdigkeit" hatte er eigenen Angaben nach zunächst nur einem befreundeten Kollegen anvertraut. Dieser hatte Ende September den 41-jährigen Oberarzt informiert. Der Pfleger selbst hatte erst nach seinem Urlaub Anfang Oktober seinen Verdacht dem Stationsarzt mitgeteilt. Unterdessen waren drei weitere Menschen, die Irene B. betreut hatte, gestorben.

Angeklagte war zu Tränen gerührt 

Einen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit der Angeklagten am Krankenbett und dem "Blutdruckabfall" des Patienten habe er nicht erkennen können, sagte der Oberarzt. Die Ampulle hätte auch von einer "Reinigungskraft" in den Papierkorb geworfen werden können. Nach Aussage des 41-Jährigen, der in Begleitung ein Anwalts erschien, habe nichts dafür gesprochen, dass Irene B. mit ihrem "Fachwissen" einen Mord begehen würde. Sie sei diejenige Pflegekraft gewesen, mit der der Oberarzt "sachlich konstruktive Gespräche über Patientenethik" habe führen können, "auch wenn das heute wie Hohn klingen würde".

Sie sei zwar im Team, wegen ihrer "Interessen" und "Marotten" eine Außenseiterin gewesen. Fachlich habe er sich über Irene B. aber "nie beklagen können". Die überwiegend lobenden Worte ihres früheren Kollegen hatten die ansonsten eher kühl und distanziert wirkende Angeklagte zu Tränen gerührt.

Krankenschwester soll sechs Menschen getötet haben

Der Krankenschwester wird vorgeworfen, auf der kardiologischen Intensivstation der Charité zwischen Juni 2005 und Oktober vergangenen Jahres sechs schwer kranke Menschen im Alter von 48 bis 77 Jahren, darunter eine Frau, mit einer Überdosis getötet zu haben. Zwei weitere Patienten, die ebenfalls gespritzt worden sein sollen, konnten entweder reanimiert werden oder starben an einer anderen Erkrankung.

Irene B. hatte zu Prozessbeginn über ihren Verteidiger die Tötung von vier schwer kranken Patienten gestanden. Ihren eigenen Angaben nach glaubte sie, dass ihr Handeln "dem Willen der Patienten entsprach" und dies "zu ihrem Wohl geschah". Der Prozess wird nächste Woche Freitag fortgesetzt. Von Beatrix Boldt, ddp

0 Kommentare

Neuester Kommentar