Charlottenburg : Mutter wirft Neugeborenes aus dem Fenster

Eine 20-Jährige hat in Charlottenburg ihr Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Fenster geworfen. Nachbarn entdeckten den Jungen im Schnee, Ärzte konnten ihn nicht retten. Gegen die Mutter wurde Haftbefehl erlassen.

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Eine 20-Jährige hat in Charlottenburg ihr Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Fenster geworfen. Das Kind starb später im Krankenhaus an Unterkühlung. Ein Mieter des Hauses an der Kaiser-Friedrich-Straße hatte das Schreien am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages gehört und um 17.45 Uhr die Polizei alarmiert. Aufgrund fehlender Spuren im Schnee rund um den Fundort des Jungen war den Ermittlern sofort klar gewesen, dass das Kind aus einem Fenster geworfen worden sein musste. Im ersten Stock trafen sie schließlich auf die aus Rumänien stammende Adriana B. Diese gestand, das Baby alleine geboren und aus dem Fenster geworfen zu haben. Gegen die als Prostituierte arbeitende Frau wurde am Montagabend Haftbefehl wegen Totschlags erlassen.

Es hatte ein besinnlicher zweiter Weihnachtsfeiertag werden sollen, den Mariola M. bei ihrem Freund Tadeusz K. in dessen kleiner Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße verbringen wollte. Gerade hatte die 50-jährige Polin ihren Sohn in England angerufen, als sie aus dem Garten hinter dem Hinterhaus Schreie hörte. „Erst dachte ich, da wäre eine Katze vom Fensterbrett in den Schnee gefallen und hätte sich dabei verletzt“, sagt die gelernte Krankenschwester, die erst im Juni aus Polen nach Berlin zog. Als sie mit ihrem Freund in den Garten lief, fand das Paar im Schnee an der Kellertreppe das Baby, „es war ganz nackt“. Das Paar reagierte schnell: In ihrer Küche frottierten sie den schreienden Säugling, wickelten ihn in Decken, wenig später war der Notarzt da.

Im Haus scheint niemand die junge Frau oder auch nur die Mieter dieser Wohnung zu kennen: „Seit zwei Jahren steht kein Name an der Klingel, ständig sind da neue Leute“, erzählt eine Nachbarin. Von anderen ist zu hören, dass man nie bewusst eine „Hochschwangere oder auch nur eine mit Bäuchlein“ gesehen habe. Die Tat erfüllt alle mit Entsetzen: „Ich lebe seit zehn Jahren in diesem Kiez, aber so etwas erlebe ich zum ersten Mal“, sagt Arif Bayar, der im Vorderhaus die Kneipe „Red House“ betreibt. „Es gibt doch Babyklappen“, ergänzt sein Gast Bernd Kiefer. „Was in solchen Leuten vorgeht, das kann niemand nachvollziehen.“ Ein anderer Gast sagt: „So viele Menschen können kein Baby bekommen und hier schmeißen sie es aus dem Fenster.“

Vier Babyklappen gibt es in Berlin, die beiden nächsten sind mehrere Kilometer entfernt in Tempelhof und Spandau. Dort hätte die Mutter ihr Kind anonym – und straffrei – abgeben können. Nun muss Adriana B. mit Haft rechnen, auf Totschlag stehen mindestens fünf Jahre. Die strafmindernde Privilegierung von Müttern nicht-ehelicher Kinder wegen der „psychischen Zwangslage“ bei Taten kurz nach der Geburt ist vom Gesetzgeber 1998 abgeschafft worden.

Anders als in Brandenburg hat es in Berlin in den vergangenen Jahren nur wenige getötete Neugeborene gegeben. Der letzte Fall im März 2009 löste großes Entsetzen aus. Wenige Tage, nachdem ein toter Säugling in einem Altkleidercontainer in Wilmersdorf gefunden worden war, konnte die Mutter ermittelt werden, es war ihr achtes Kind gewesen. Wie sich herausstellte, war sie vorbestraft wegen Kindesaussetzung, weil sie 1998 ihr siebtes Kind in einem Keller versteckt hatte. Zwei Tage später wurde das Mädchen gefunden – Lisa überlebte die Tortur ohne Nahrung. 2008 war in Köpenick im Wald am Müggelturm ein Baby gefunden worden, seine Mutter hatte als Prostituierte gearbeitet. 2002 hatte ein mit 15 Messerstichen getötetes Baby in der Babyklappe eines Zehlendorfer Krankenhauses gelegen. Der Fall wurde nicht geklärt.

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