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Drogenhandel : Erneut dealende Kinder erwischt

Die Polizei hat am Montag zwei Kinder beim Heroin-Verkauf in Kreuzberg und Mitte ertappt. Erst am Wochenende war ein elf Jahre alter Drogendealer in Neukölln zum dritten Mal in einer Woche gefasst worden.

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Sicherheitsmitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hatten am U-Bahnhof Möckernbrücke den Drogenhandel beobachtet. Zunächst sei nur die Käuferin mit einer Szenekugel, später auch der 13-jährige Verkäufer geschnappt worden. Er habe einen Verkaufserlös von mehreren Hundert Euro dabei gehabt.

Der erwischte Drogenhändler hat keinen festen Wohnsitz in Berlin und wurde laut Polizeiangaben dem Kindernotdienst übergeben. Von dort sei bereits am Montagabend wieder eine Vermisstenanzeige gekommen, da der Junge entwischt war.

Zuvor war bereits ein Zwölfjähriger in einer Straßenbahn Richtung Alexanderplatz mit insgesamt 19 mit Kunststoff umwickelten Szenekugeln im Mund erwischt worden, nachdem am Wochenende ein elfjähriger Drogendealer bereits zum dritten Mal in einer Woche von der Polizei ertappt worden war. Fahnder haben ihn mit szenetypischen Drogenkügelchen – wie sie beim Straßenverkauf von Heroin üblich sind – aufgegriffen. Wie sein zwölfjähriger Komplize soll er in einem Heim leben. Der Junge gilt als staatenlos, woher er kommt, ist ungeklärt, vermutlich aus einem palästinensischen Flüchtlingslager im Südlibanon. Sein ein Jahr älterer Kumpel ist libanesischer Herkunft. Am Sonntag trafen Polizisten die beiden im U-Bahnhof Schönleinstraße.

Banden schicken die Kinder zum Dealen

Wie vergangenen Dienstag und Donnerstag hatten die beiden die verpackten Kügelchen mit gebrauchsfertiger Drogenmenge bei ihrer Festnahme verschluckt. Der Elfjährige soll unbestätigten Angaben zufolge in einer Jugendeinrichtung in Zehlendorf wohnen. Da es keine geschlossenen Heime gibt, kann er kommen und gehen, wann er will. Schon in den vergangenen Jahren sind in Berlin dealende Kinder erwischt worden – die meisten auf der U-Bahn-Linie 8. In ihrem Buch „Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ schrieb die bekannte Jugendrichterin Kirsten Heisig kurz vor ihrem Tod: „Die Kinder wachsen weitgehend unkontrolliert in diesen kriminellen Strukturen auf.“ Gemeint sind arabisch-kurdische Großfamilien aus dem Südosten der Türkei und dem Libanon. Heisig sprach von der „arabischen Drogenmafia“, die Kinder aus palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon nach Deutschland schicke, wobei ihnen die Schleuser im Flugzeug die Papiere abnähmen, damit sie von Tegel aus nicht gleich zurückgeschickt werden könnten. Sie plädierte für geschlossene Heime für minderjährige Straftäter.

Bisher sind in Berlin nur offene Betreuungseinrichtungen für kriminelle Kinder vorgesehen. Mit Ausnahme der CDU lehnen alle Parteien im Abgeordnetenhaus geschlossene Heime ab. Sie fordern stattdessen eine bessere Überprüfung bestehender Angebote. Sandra Scheeres, jugendpolitische Sprecherin der SPD, möchte am offenen System festhalten: „Die Kinder wegzusperren ist keine Lösung.“ Allerdings müssten die Betreuungseinrichtung mit Sanktionen arbeiten, damit Kinder nicht in ihr altes Milieu zurücklaufen könnten. Auch Margit Barth (Linke) hält die bestehenden Maßnahmen für ausreichend. Sie kritisierte die Träger der offenen Einrichtungen. „Der Senat stellt viel Geld bereit. Ich habe Zweifel, ob die Arbeit dann entsprechend ist“, sagte Barth dem Tagesspiegel.

Jugendämter sind frustriert

Damit sind die Regierungsparteien auf einer Linie mit FDP-Mann Sebastian Czaja. Geschlossene Heime wolle er als Liberaler zum jetzigen Zeitpunkt nicht fordern. Einzig CDU-Politikerin Emine Demirbüken-Wegner ist für die Unterbringung minderjähriger Straftäter in geschlossenen Heimen. „Das kann ein Baustein sein“, sagte sie. „Wenn die Kinder kommen und gehen, wie sie wollen, sind die Betreuungseinrichtungen sinnlos.“ Zusätzlich müsse mehr in Hilfen wie Familienerholung und Jugendarbeit investiert werden.

Die Kreuzberger Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne) winkt ab. In ihrem Zuständigkeitsbereich wurden auch die beiden dealenden Kinder aufgegriffen. „Mehr Hausaufgabenhilfe nützt nichts“, sagte sie. Auch ein „Kinderknast“ nicht. Die meisten Problemfamilien seien kooperativ. Bei den aktuellen Fällen handle es sich hingegen um organisierte Drogenkartelle. Die Kompetenz des Jugendamtes sei hier überschritten. Herrmann fordert mehr Polizeikontrollen. SPD-Innenpolitiker Thomas Kleineidam spricht von einer „perfiden Form des Kindesmissbrauchs“. Die Polizei müsse an die Hintermännern heran.

Die Polizeiführung regte gestern Abend einen runden Tisch von Behörden und Polizei an, um das Problem zu lösen.

In Jugendämtern ist man derweil frustriert. Solche Kinder seien nur schwer aus ihrem Milieu zu lösen. Amtsmitarbeiter würden bedroht, berichten Kenner. Einige bekämen Polizeischutz. In den Behörden wird Richterin Heisig zufolge gemunkelt: „Man kann kein Kind zwangsweise aus einem arabischen Clan nehmen. Die Familien erschießen jeden, der das versuchen sollte.“ (mit ddp)

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