Entführung vor Gericht : Zweifelsfrei erkannt

Vadim Freinkman wurde 2006 in Neukölln entführt. Vor Gericht traf er jetzt auf seinen mutmaßlichen Kidnapper.

Das Entführungsopfer war sich ganz sicher. „Der Angeklagte ist eindeutig die Person, die mich die ganze Zeit bewacht und später entlassen hat“, sagte Vadim Freinkman gestern vor dem Berliner Landgericht. Der Student war Zeuge im Prozess gegen den 40-jährigen Ihar M., einem der beiden mutmaßlichen Haupttäter der Entführung. Zwölf Tage war der damals 20-jährige Freinkman in der Gewalt von Kidnappern.

Der Weißrusse M. sei der Täter gewesen, den sie „Kolja“ nannten, erinnerte sich der Student. Zwar hätten ihm die Entführer die Augen verklebt und mit einer Binde verdeckt. „Es wurde aber immer wieder locker.“ Durch die Lücken habe er seine Bewacher sehen können. Einer von insgesamt vier Männern, die im Versteck auftauchten, sei der redselige „Kolja“, ein zweiter der schweigsame Siarhei S. gewesen.

Der spektakulärste Entführungsfall der vergangenen Jahre begann in der Nacht zum 18. August 2006 in einer Tiefgarage an der Neuköllner Hermannstraße. Vadim Freinkman kam aus dem Kino, als plötzlich ein Fremder die Beifahrertür aufriss. Es soll der 36-jährige Weißrusse S. gewesen sein, der ihm eine scharfe Waffe an den Kopf hielt. S. und Ihar M. verschleppten den jungen Mann laut Anklage in eine Neuköllner Wohnung. Ein Lösegeld von einer Million Euro wollten die Entführer kassieren. Die Mutter des damaligen Abiturienten ist Medizinerin, arbeitet und lebt sowohl in Berlin als auch in Sankt Petersburg. Sie borgte sich von Freunden Geld, verkaufte eine Wohnung. So kamen 670 000 Euro zusammen, die sie im Ort Pausin den Kidnappern übergab. Einen Tag später wurde ihr Sohn unversehrt freigelassen.

Ihar M. wurde vor mehr als einem Jahr in Moskau festgenommen und im vorigen November nach Berlin überstellt. Sein Landsmann S. war im April 2007 von Zielfahndern in Spanien aufgespürt worden. Er muss sich bereits sei fünf Monaten vor Gericht verantworten. Er hatte wie nun M. die Aussage verweigert. Auch er war durch das Opfer belastet worden. Ein Helfer der Kidnapper ist bereits zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Der Prozess gegen M. wird am Montag fortgesetzt.

Von der seit Karfreitag verschwundenen russischen Künstlerin Anna Mikhalchuk gibt es indes immer noch keine Spur. Auch gestern suchten Polizeitaucher den Lietzensee ab. Von einer Entführung geht die Polizei derzeit nicht aus. Wie berichtet, hatte sich die 52-jährige Künstlerin und Putin-Kritikerin von ihrem Ehemann, einem renommierten Philosophieprofessor, in ihrer Charlottenburger Wohnung verabschiedet und Geld, Schlüssel und Brille mitgenommen: Sie wollte einkaufen gehen. Seither verliert sich ihre Spur. K. G./tabu

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