Erneut Gewalttat auf Bahnhof : Neuer Überfall, neue Gegenmittel

Am Sonntagabend wurde eine 68-jährige Frau am S-Bahnhof Potsdamer Platz angegriffen. Polizei und BVG präzisierten am Montag ihr Sicherheitskonzept.

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Auf den Bildern ist oft kaum etwas zu erkennen. Foto: Polizei
Auf den Bildern ist oft kaum etwas zu erkennen.Foto: Polizei

Wieder eine Gewalttat auf einem Bahnhof – und wieder wäre sie beinahe tödlich ausgegangen. Am Sonntagabend gegen 18.30 Uhr ging eine Betrunkene am S-Bahnhof Potsdamer Platz auf eine 68-Jährige los. Nach Auskunft der Polizei schlug die 32-jährige Angreiferin ihr willkürlich gewähltes Opfer und schubste die Frau in Richtung Gleis. Als der Zug kam, stieg die Täterin ein, aber ein Mitarbeiter der Aufsicht und andere Fahrgäste hielten sie fest, bis die Polizei eintraf.

Attacken wie diese beschäftigten nicht nur die Nutzer von Bus und Bahn, sondern auch die Politik: Am Montag berichteten Polizei und BVG im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses, wie sie für mehr Sicherheit auf Bahnhöfen sorgen wollen. Nach Auskunft von BVG-Finanzvorstand Henrik Falk bereitet der Verkehrsbetrieb zurzeit die Ausschreibung für 80 zusätzliche Sicherheitskräfte vor. Perspektivisch sollen je 200 BVG- Leute und 200 Polizisten als Doppelstreifen eingesetzt werden. Schon jetzt zeige sich der Vorteil des kürzlich eingerichteten Polizei-Arbeitsplatzes in der BVG- Leitstelle: Bei Vorfällen könne der Beamte dort ohne zusätzliche Absprachen die Polizei an den Tatort schicken. Weitere drei Arbeitsplätze würden eingerichtet, um sofort reagieren zu können, wenn Videokameras einen Angriff auf Fahrgäste zeigten. Bisher sei es technisch nicht möglich, Täter direkt aus der Leitstelle anzusprechen.

Zudem will die BVG künftig auffälliger auf die Videoüberwachung ihrer Bahnhöfe hinweisen. Das Optimum an Überwachung solle beim Umbau des Kottbusser Tors noch in diesem Jahr erprobt und dann evaluiert werden. Damit Angegriffenen schnell geholfen wird, plant die BVG eine Kampagne für mehr Zivilcourage. Susanne Bauer, Präventionsbeauftragte der Polizei, sagte: Bei Vorfällen wie dem in Lichtenberg „müssen sie nicht eingreifen. Da ist Zivilcourage, die 110 zu wählen“. Auf dem U-Bahnhof Lichtenberg war im Februar ein Mann von vier Jugendlichen halb totgeprügelt worden. Ähnlich brutal gingen im April im U-Bahnhof Friedrichstraße zwei Männer auf ihr wohl zufällig gewähltes Opfer los.

Es war vor allem die im Video dokumentierte Brutalität, die Bürger und Politik aufgeschreckt hatte. Einzelne Abgeordnete fürchten jetzt, dass die mediale Präsenz solcher Bilder die Menschen unnötig verängstigt und stellten die Veröffentlichung infrage. Die Ermittler bekommen allerdings von den bisher installierten BVG-Kameras nicht immer ausreichend gute Porträts der Täter – und veröffentlichen dann die Videos, um die Identifizierung zu erleichtern.

Die Polizei will nach Auskunft von Polizeidirektor Thomas Dublies im Herbst die ersten von 200 zusätzlichen Kollegen für die Doppelstreifen einstellen. Sie sollen gemeinsam mit ebenso vielen BVG-Leuten für Sicherheit sorgen. Nach Auskunft von Falk sind die bereits einsetzbaren Doppelstreifen täglich von 16 bis 22 Uhr auf rund einem Dutzend Bahnhöfen unterwegs. Auf welchen, richte sich nach dem „objektiven und subjektiven Bedarf“. Nachts komme die etwa 70-köpfige Einsatzreserve der Polizei hinzu – sofern sie nicht anderswo dringender gebraucht wird, wie beispielsweise nach dem Bombenfund in Zehlendorf vor einer Woche.

Nach Auskunft von Dublies hat die Polizei ihre Präsenz bei der BVG seit 2006 mehr als verdoppelt. Die 106 000 Einsatzstunden des vergangenen Jahres entsprächen 70 Vollzeit-Mitarbeitern. In diesem Jahr würden es wohl 170 000 Stunden. Zugleich sinke die Zahl der Straftaten im öffentlichen Verkehr seit Jahren – nur eben nicht unbedingt die Furcht davor.

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