Fahndung : Polizei sichert immer öfter U-Bahn-Videos

Auf der Suche nach mutmaßlichen Tätern bedient sich die Polizei immer häufiger der Bilder von Überwachungskameras. Die BVG filmt in allen Zügen. Ein mutmaßlicher Vergewaltiger konnte kürzlich mit den Bildern identifiziert werden.

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Immer im Blick. Im Gegensatz zu den Bahnhöfen werden die Züge komplett gefilmt.
Immer im Blick. Im Gegensatz zu den Bahnhöfen werden die Züge komplett gefilmt.Foto: picture-alliance/ dpa

Nun sitzt der 32-Jährige, der in Verdacht steht, eine 65 Jahre alte Frau an der U-Bahnstation Mendelssohn-Bartholdy-Park vergewaltigt zu haben, in Untersuchungshaft. Doch ein Geständnis hat Christopher O. bislang nicht abgelegt. Er sagte lediglich, er sei betrunken gewesen und könne sich an nichts erinnern. Allerdings gab er zu, der Mann zu sein, der auf den Überwachungsvideos der BVG-Kameras zu sehen ist.

Wie berichtet, war der angehende Modedesigner und Botschafter der Image-Werbekampagne „be berlin“ am Mittwoch festgenommen worden, nachdem die Polizei am Dienstagabend die Bilder aus der Überwachungskamera des U-Bahnwaggons der Linie U2 veröffentlicht hatte. Er war von einem Bekannten identifiziert worden. Christopher O. hatte direkt in die Kamera, die über dem Bildschirm des U-Bahn-Fernsehens hängt, geblickt.

Aus den Ermittlungen ergab sich, dass O. am Tatmorgen, dem 10. November, gegen vier Uhr früh am U-Bahnhof Eberswalder Straße in die U2 gestiegen war. Dort drehte er sich auffällig eine Zigarette. Die 65-Jährige, die sich auf dem Weg zur Arbeit befunden hatte, saß ebenfalls in dem Zug. Als sie am Mendelssohn-Bartholdy-Park ausstieg, soll er ihr gefolgt sein und sie kurz danach überfallen haben. Ob der Mann unter Drogen stand, wird laut Polizei geprüft.

O., der aus Süddeutschland stammt, lebt seit 2007 in Berlin. Hier hat er mit einer Freundin zusammen auch ein Modelabel gegründet. Zwei Jahre später war der aufstrebende Modedesigner Teil der großen Image-Kampagne „be berlin“ und trat dort auch in einem Werbevideo auf. Zudem präsentierte er in Mitte auf einer Fashionshow mit anderen Nachwuchsdesignern eigene Kreationen.

Im Waggon entstand das Fahndungsfoto. Der mutmaßliche Täter schaut offenbar U-Bahn-Fernsehen – und guckt unbewusst genau in die Kamera. Diese befindet sich direkt neben dem Bildschirm.
Im Waggon entstand das Fahndungsfoto. Der mutmaßliche Täter schaut offenbar U-Bahn-Fernsehen – und guckt unbewusst genau in die...Foto: Polizei Berlin

Mit seiner Festnahme hatte die Polizei nach der Veröffentlichung von Bildern aus BVG-Kameras erneut einen schnellen Erfolg. Nach Angaben der BVG ist die Zahl der an die Polizei übergebenen Videosequenzen in diesem Jahr deutlich gestiegen. Im Jahr 2010 waren es 2907 Anforderungen, also etwa acht pro Tag. In diesem Jahr hat sich die Polizei bereits 3657 Mal an die BVG gewandt, sagte ein Sprecher. Pro Tag sind es also mehr als zehn Fälle, bei denen die Polizei auf Bilder aus Überwachungskameras setzt. Laut Innenverwaltung ist dies eine „Standardmaßnahme“ nicht nur bei Kapitaldelikten, sondern auch bei Raubtaten, Drogenhandel und Taschendiebstahl. Doch nur ein Bruchteil der Bilder davon wird veröffentlicht. Pro Monat startet die Polizei durchschnittlich zehn Öffentlichkeitsfahndungen mit Bildern aus Überwachungskameras von BVG, Banken oder Tankstellen. Dieses Instrument wird sparsam eingesetzt, da es seine Wirkung in der Bevölkerung nicht verlieren soll, sagte ein Beamter. „Wenn wir jeden Tag zwei Täterbilder veröffentlichen, achtet keiner mehr darauf.“ Jede Veröffentlichung muss von einem Richter genehmigt werden. Weil diese ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte auch eines Tatverdächtigen ist, werden strenge Kriterien angelegt. Entweder waren alle anderen Ermittlungsansätze erfolglos – oder es droht eine Wiederholungsgefahr. Deshalb sind die Bilder im Fall Christopher O. erst nach fünf Wochen veröffentlicht worden, das Phantombild zum Giftmischer vom Weihnachtsmarkt dagegen schon nach Tagen.

Für das Jahr 2010 hatte die Senatsinnenverwaltung im Februar dieses Jahres dem CDU-Abgeordneten Peter Trapp Zahlen genannt: Demnach wurden 125 Täter durch die 2907 Videosequenzen der Verkehrsbetriebe direkt überführt, in 440 weiteren Fällen ergaben sich wichtige Hinweise für die Ermittlungen.

Die Zahl der Festnahmen mithilfe von Aufnahmen dürfte sich mittlerweile erhöht haben, da auch in alten Fällen weitergesucht wird. Mittlerweile sind in den 1238 U-Bahn-Waggons der BVG 2870 Kameras installiert, damit seien alle Linien abgedeckt.

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