Gefangenenhilfe : Justiz lässt Täter unvorbereitet frei

Am Umgang mit Sicherungsverwahrten gibt es weiterhin Kritik. Unter anderem ist die Kostenfrage für Resozialisierung bisher ungeklärt.

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Die Diskussion um die Sicherungsverwahrung geht weiter.
Die Diskussion um die Sicherungsverwahrung geht weiter.Foto: dpa

Sozialpädagogen erheben schwere Vorwürfe gegen Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD). Demnach werden die Gewalttäter, die kurz vor ihrer Entlassung aus der Sicherungsverwahrung stehen, nur unzureichend auf die Freiheit vorbereitet. Aus Führungskreisen der freien Träger für Gefangenenhilfe hieß es, die Straftäter bekämen keinerlei sozialpädagogische Betreuung. Nach Informationen des Tagesspiegels hat die Justizverwaltung mit drei der vier großen Berliner Träger noch nicht einmal Kontakt aufgenommen. Bei dem vierten Träger soll ein Häftling nun Wohnraum zugesagt bekommen haben. Doch auch dort ist der Ärger über die Untätigkeit der Justiz groß. Die Justizverwaltung wies die Vorwürfe zurück.

Markus Wehnert betreut seit 30 Jahren Haftentlassene. Er kümmert sich um alle: Kleinkriminelle, Betrüger, Mörder und auch die viel diskutierten SV-ler, die Sicherungsverwahrten. Eigentlich heißt Wehnert anders, doch die Diskussion um Gewalttäter, die nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) demnächst freikommen müssen, ist ihm zu emotional. Er befürchtet eine mediale Hetzjagd auf Entlassene, Nachbarn und Betreuer. Denn die sogenannte „Täterarbeit“, die er betreibt, versteht Wehnert auch als Opferschutz. „Vollständige Sicherheit durch Überwachung ist eine Illusion“, sagt Wehnert. Dass die Straftäter nicht rückfällig werden, könne nur durch gute Resozialisierung verhindert werden.

In der Justizverwaltung sieht man es im Grunde ebenso. Seit März arbeitet man dort an einem Konzept, wie man die SV-ler geordnet in die Freiheit überführen kann. An runden Tischen sollen „individuelle Lösungen“ gefunden werden, sagt Justizsprecher Bernhard Schodrowski. An der Planung beteiligt sind Polizei, Bewährungshelfer, Psychologen und die Senatsverwaltung selbst. Das Hauptaugenmerk dieser Runden richtet sich allerdings auf Sicherheit und Überwachung. Ein Vertreter der freien Träger für Strafgefangenenhilfe, die seit Jahren Erfahrung mit der Integration von Häftlingen haben, sitzt nicht mit am Tisch. Hartmut Flohr, Geschäftsführer der Ziegnerstiftung, ist darüber „verwundert“. Thomas Meißner von der Freien Hilfe Berlin hält es gar für „fahrlässig“. Auch der Leiter der Straffälligenhilfe bei der Stadtmission, Siegfried Steffen, kritisiert, die Justiz habe sich jahrzehntelang nicht um diese Menschen gekümmert. Unterdessen erklärt Justizsprecher Schodrowski, man sei „sehr auf die Hilfe der Freien Träger angewiesen“. In welchem Umfang, sei aber noch unklar.

Dabei wird die Zeit knapp, denn laut Wehnert braucht man bei Langstraflern einen Vorlauf von einem Jahr oder mehr. „Die Gefangenen wissen oft gar nicht, was sie brauchen“, sagt Wehnert. „Sie müssen in Gesprächen von selbst darauf kommen, dass eine betreute Wohneinrichtung das Richtige für sie ist. Zwingen kann man sie kaum.“ Mit Freigang oder Hafturlaub müsse man sie langsam an die Freiheit gewöhnen. Bei normalen Strafgefangenen funktioniere das. „Aber bei Sicherungsverwahrten gibt es überhaupt keine Vorbereitung auf die Freiheit.“ Sicherungsverwahrte aus der Justizvollzugsanstalt Tegel berichten in Gesprächen mit dem Tagesspiegel immer wieder von „menschenrechtswidrigem Verwahrvollzug“.

Markus Wehnert stellt sich nun darauf ein, im Falle einer Entlassung der Gefangenen das nachzuholen, was die Justizverwaltung bisher versäumt habe. „Die Häftlinge müssen ein neues Leben anfangen.“ Es beginne damit, dass jemand, der Ende der 80er ins Gefängnis kam, viel Hilfe und Zeit brauche, um in der veränderten Wirklichkeit draußen klarzukommen.

Schon jetzt lässt sich die Senatsverwaltung die Integration von Gefangenen jährlich über vier Millionen Euro kosten. Thomas Meißner, Geschäftsführer der Freien Hilfe, rechnet mit einer Verdopplung der Kosten für die sozialpädagogische Betreuung der Sicherungsverwahrten. Wer die Kosten übernimmt, ist bisher offen.

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