Gefühlte Bedrohung : Wird Berlin immer brutaler?

Attacken auf den Straßen und in der S-Bahn machen den Menschen in der Stadt Angst. Aber nicht immer stimmen Gefühl und Statistik überein. Gibt es tatsächlich eine Häufung von Gewalttaten in Berlin?

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Viele Berliner sind verunsichert – die brutalen Gewalttaten in den vergangenen Wochen haben die Stadt aufgeschreckt.

Woher kommt das Gefühl der Bedrohung durch Gewalt in der Stadt?

Erst in der Nacht zu Sonntag war am Alexanderplatz ein 20-Jähriger von mehreren unbekannten Tätern derart zusammengeschlagen und getreten worden, dass er am Montag seinen schweren Verletzungen erlag. Schon am Wochenende zuvor hatte es ähnlich brutale Attacken gegeben. Nur wenige Meter vom jetzigen Tatort entfernt war ein 23-jähriger Mann auf dem Bahnhof Alexanderplatz von zwei Unbekannten angepöbelt und niedergeschossen worden. Er erlitt lebensgefährliche Verletzungen. In Schöneberg an der Hohenstaufenstraße wurde ein 22-Jähriger ebenfalls durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. Von allen Tätern fehlt derzeit jede Spur. In der S-Bahn gab es in den vergangenen Wochen mehrfach Gewalttaten, bei denen Fahrgäste schwer verletzt wurden. Zudem wurde ein behinderter Fußballfan auf dem S-Bahnhof Olympiastadion brutal angegriffen. Unbekannte schlugen den Mann mit Down-Syndrom und ließen ihn mit seinem eng um den Hals gezogenen Schal zurück, so dass er beinahe stranguliert wurde.

Trauer am Alexanderplatz
In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.Weitere Bilder anzeigen
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24.10.2012 18:04In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.

Gibt es tatsächlich eine Häufung von Gewalttaten in Berlin?

Seit Jahren werden in Berlin (und den meisten deutschen Städten) weniger Gewalttaten registriert. Zwar gibt es eine Dunkelziffer, also Taten, die nicht angezeigt worden sind. In der Tendenz sind sich die meisten Experten aber einig, es wird nicht mehr geschlagen oder zugestochen als früher – eher im Gegenteil. Wie in Jahren zuvor hat die Polizei auch 2011 festgestellt: Die Zahl der Körperverletzungen nimmt ab, im vergangenen Jahr um 1472 auf insgesamt 41 771Fälle.

Wie ist es um das subjektive Sicherheitsgefühl bestellt?

Schon weil viele Berliner ahnen, dass die Zahl der tatsächlichen Taten deutlich höher liegen dürfte als die registrierten Fälle, gibt es eine verbreitete Angst vor Gewalt – gerade auf Bahnhöfen und Plätzen. Polizeigewerkschafter hatten deshalb erst kürzlich gefordert, parallel zur Kriminalitätsstatistik eine Studie erstellen zu lassen, zu der Berliner nach ihrem subjektiven Sicherheitsgefühl gefragt werden. In den USA oder Großbritannien würden solche Bewertungen in die behördliche Betrachtung einfließen.

Was weiß man über die Taten von Jugendgruppen?

Gewaltbereite Cliquen und festere Jugendbanden gibt es trotz gegenteiliger Eindrücke seltener als noch in den 90er Jahren. Schon vor einem Jahr hatten Experten begrüßt, dass jugendtypische Rohheitsdelikte weniger werden. Und insbesondere die Jugendgruppengewalt ging in den vergangenen Jahr zurück.

In Berlin wird die so genannte Jugendgruppengewalt von verschiedenen Dienststellen verfolgt. Dabei werden Raub, Körperverletzung, Bedrohung, Sachbeschädigung und so genannte Begleitdelikte – etwa der Besitz eines Messers – immer dann gezählt, wenn sie bei Gruppen festgestellt werden, deren Mitglieder zwischen acht und 21 Jahre alt sind. Wurden 2010 mit rund 4000 Fällen schon deutlich weniger solcher Taten registriert als noch 2009, sank die Zahl im vergangenen Jahr erneut. Die Polizei zählte weniger als 3200 Fälle mit rund 2500 Tatverdächtigen. Wohlgemerkt: In Berlin leben rund 352 000 Menschen zwischen acht und 21 Jahren. Selbst wenn Verdächtige im Alter bis 25 Jahre hinzu gezählt werden, ist die Zahl seit Jahren leicht sinkend.

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