Gelähmten gespielt : Zehn Jahre Haft für Simulanten

Der 56-jährige Wolfgang S. hatte seit 1991 die Behörden genarrt. Der Betrüger soll als Gelähmter 230.000 Euro erschwindelt haben. Währenddessen trieb er Sport und baute zwei Häuser.

Kerstin Gehrke

Wieder wurde Wolfgang S. im Rollstuhl in den Saal geschoben. In der Rolle des Gebrechlichen ist der 56-Jährige geübt. Zwölf Jahre lang simulierte er den Gelähmten und erschlich sich so Leistungen in Höhe von insgesamt rund 230 000 Euro. Davon waren gestern die Richter überzeugt. „Sie haben in der Zeit Sport getrieben, im Garten gearbeitet, zwei Häuser gebaut“, hieß es im Urteil. Gegen S. ergingen neun Jahren und sechs Monate Haft. Darin wurde eine frühere Strafe von sieben Jahren einbezogen.

Wolfgang S. bekam 1991 wegen Erwerbsunfähigkeit erstmals eine Rente, seit 1995 dann Pflegegelder. Bis zur Stufe III hatte er sich vorgearbeitet. „Patient kann nicht frei sitzen, den Kopf nur wenige Zentimeter heben, linker Arm gelähmt, linkes Bein bewegungsunfähig“, hieß im Gutachten. Alles vorgetäuscht, befand das Gericht nach fast einjährigem Prozess. „Wenn eine Begutachtung anstand, legte er sich ins Bett.“ Nie sei S. so krank gewesen, dass Leistungen gerechtfertigt waren.

Wie konnten die jahrelangen Sozialbetrügereien unentdeckt bleiben? Zunächst sei da die Umstellung von Ost- auf Westrentenrecht gewesen, die S. gekonnt ausgenutzt habe. „Was ihm noch mehr half, ist seine kriminelle Persönlichkeit“, sagte der Vorsitzende. „Sie können Menschen manipulieren“, hielt er dem Angeklagten vor. S. habe immer wieder Frauen umgarnt, sich bei ihnen eingenistet, sie in seine Taten verstrickt. Wolfgang S. hatte nach Überzeugung der Richter aber auch Hilfe von einer Seite, die sie als „besonders dunkles Kapitel“ bezeichneten: Ein Arzt sei an der Täuschung eines Gutachters beteiligt gewesen. „Dem Sachverständigen wurden Befunde anderer Patienten mit echten Erkrankungen untergeschoben.“ Der Arzt habe in einem früheren Verfahren gegen S. auch einen Meineid geleistet. Bis heute wurde keine Anklage erhoben, kritisierte das Gericht. „Ein Arzt, der seine Position derart missbraucht, gehört aus dem Verkehr gezogen.“

Die geprellten Institutionen hätten dem Simulanten viel früher auf die Schliche kommen können. Vor acht Jahren aber blieb beispielsweise die Empfehlung einer externen Gutachterin der Krankenkassen, den angeblich Bewegungsunfähigen mit verdächtig kräftigen Waden einer eingehenden Begutachtung zu unterziehen, ungehört. „In gewissem Maße wurde es dem Angeklagten leicht gemacht, indem man nicht nachhakte.“

Wolfgang S. fand früher Jobs als Kohlenträger, Kraftfahrer oder Türsteher. Ein Leben auf Kosten anderer soll er schon vor Jahrzehnten geplant haben. Eine 63-jährige Ex-Frau von S. hatte ihn als Zeugin zitiert: „Spätestens mit 40 sitze ich im Rollstuhl. Bin doch nicht so blöd und gehe arbeiten.“ Bereits zu DDR-Zeiten habe er Ärzte genarrt. „Er humpelte, wenn es darauf ankam, ging aber fit nachts aus.“ Die Betrügereien flogen erst auf, als er 2003 wegen gewaltsamer Übergriffe auf zwei seiner Ex-Frauen vor Gericht saß und zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Diese Strafe wurde nun aufgestockt, so dass er wohl bis 2012 im Gefängnis sitzen muss.

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