Gericht verurteilt Schläger : "Du Zugezogener, wegen dir steigen hier die Mietpreise!"

Ein 32-Jähriger fuhr in der Straßenbahn von Prenzlauer Berg nach Friedrichshain und wurde Opfer eines bizarren Falls von Fremdenfeindlichkeit. Zwei Männer machten ihn als Sündenbock für Gentrifizierung aus und wurden handgreiflich.

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Nachtexpress. Am Wochenende pendelt die M10 durchgehend zwischen Berlins beliebtesten Ausgehbezirken Friedrichshain und Prenzlauer Berg.
Nachtexpress. Am Wochenende pendelt die M10 durchgehend zwischen Berlins beliebtesten Ausgehbezirken Friedrichshain und Prenzlauer...Foto: David von Becker

Der Mann schnaufte genervt, verdeckte sein Gesicht und schaltete auf stur. Bis zur Saaltür ging Till D. und keinen Schritt weiter. Missachtung lag im Blick des 24-Jährigen, als er Reporter und Kameras sah. Missachtung soll auch hinter dem Angriff gesteckt haben, für den er sich am Freitag vor Gericht verantworten sollte. Er war laut Anklage in einer Straßenbahn auf einen Fahrgast losgegangen, den er für einen Zugezogenen hielt. Es hätte im Prozess viele Fragen gegeben. Auch die nach Fremdenfeindlichkeit.

Till D. aber durfte die Juristen unter sich lassen. Alle wussten, dass der Mann im karierten Hemd eigentlich auf die Anklagebank sollte. Doch der Verweigerer wartete auf die Botschaften, die seine Anwältin aus dem Saal mitbrachte. Die bizarre Szene verfolgte auch Gregor R., ein 32-jähriger Architekt. Er wurde als Zeuge geladen. Denn er ist das Opfer.

M10 - Unterwegs in der Partytram:

M 10 - Die Partytram
Im Winter ist die M 10 auch eine kleine Wämestube
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1 von 9Foto: David von Becker
16.05.2011 07:43Im Winter ist die M 10 auch eine kleine Wämestube

Am 6. Mai 2011 um 19.30 Uhr stand R. in einer Tram der Linie M 10. Eine Fahrt von Prenzlauer Berg nach Friedrichshain. An der Paul-Heyse-Straße stiegen zwei Männer ein. Es dauerte nicht lange, bis sie pöbelnd auf R. zeigten. „Du Scheiß-Zugezogener, wegen dir steigen hier die Mietpreise. Aber irgendwann ist hier eh Kiezreinigung!“, brüllte D.s Kumpel. Es war kurz darauf Till D., der laut Anklage handgreiflich wurde.

Fotos vom Schwabenhass in Berlin:

Berlin hetzt gegen Schwaben
Einsam kämpft ein junger Schwabe in Berlin gegen Schwabenhass, der sich beispielsweise auf der Karaokebühne im Mauerpark äußert. Er übermalt das Kürzel des Schwabenhassers mit einem Kaninchenkopf und machte aus dem Wort "Hass" das Wort "Hase".
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1 von 8Foto: Doris Spieckermann-Klaas
29.08.2011 14:00Einsam kämpft ein junger Schwabe in Berlin gegen Schwabenhass, der sich beispielsweise auf der Karaokebühne im Mauerpark äußert....

Erst habe der Angreifer gespuckt, dann die Faust geballt. Der Schlag ging auf das linke Auge. „Meine Brille zerbrach“, sagte Gregor R. (Name geändert). Er erlitt Schnittwunden und Prellungen, war zehn Tage krankgeschrieben. Als die Beleidigungen kamen, habe er aus dem Fenster gesehen. Er ignorierte die Pöbler. Wie die Männer, die er noch nie zuvor gesehen hatte, ihn als Zugezogenen ausmachten, kann er sich bis heute nicht erklären. „Ich war neutral gekleidet und sagte auch nichts“, sagte der Thüringer Gregor R., der seit sieben Jahren in Berlin lebt.

Gregor R. und ein weiterer Zeuge hatten mit ihren Täterbeschreibungen dafür gesorgt, dass D. und dessen Kumpel zwei Stunden nach dem Vorfall gefasst werden konnten. Schläger D. versuchte es mit einem Brief, der Reue vermitteln sollte. Er sei fälschlicherweise der Meinung gewesen, sich verteidigen zu müssen, schrieb er dem Opfer. Er bot auch an, die Kosten zu übernehmen. Doch bis heute seien die 1800 Euro nicht geflossen.

Der Angreifer ist arbeitslos und mehrfach vorbestraft. Er und sein Kumpel sollen vor dem Angriff im Mauerpark gewesen sein. Vielleicht hatten die Männer, die in Hohenschönhausen und Mitte leben, Parolen wie „Schwaben raus“ gelesen. Schmierereien gegen Zugereiste findet man in Prenzlauer Berg recht häufig. Auch ein Zeitungszusteller hatte sie zum Feindbild aufgebaut und „Schwabenhass“ als Motiv für Brandstiftungen genannt.

Till D. blieb vor dem Saal. Für die Juristen schien das kein Problem zu sein. Die Richterin wertete das als unentschuldigtes Fehlen. Das Urteil erging per Strafbefehl: 2250 Euro.

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