Gerichtsbericht : Messer in Kopf gerammt - fünfeinhalb Jahre Haft

Ein 20-Jähriger, der aus Frust einen anderen Mann auf der Oberbaumbrücke mit einem Messer attackierte, erhält eine Jugendstrafe. Sein Opfer musste sich nach dem Koma zurück ins Leben kämpfen.

Kerstin Gehrke

Die Fröhlichkeit anderer Fußgänger passte Ferhat G. an jenem Morgen nicht. Der 20-Jährige sei frustriert gewesen und auch neidisch auf jene, die nicht zur Arbeit mussten, hieß es gestern im Urteil. Nach einer kleinen Rempelei auf der Oberbaumbrücke rammte er einem 31-jährigen Mann ein Messer sieben Zentimeter tief in den Kopf. Tom H. überlebte nur knapp. Die Richter sprachen Ferhat G. des versuchten Totschlags schuldig und verhängten eine Jugendstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten.

Tom H. war am 6. März mit einer 34-jährigen Bekannten unterwegs. Sie kamen aus einem Club, hatten einen Geburtstag gefeiert, waren heiter. Als die Frau hüpfte, berührte sie versehentlich den kräftigen G., der sich gerade ein Brötchen gekauft hatte und auf dem Weg zur Schule war. Er absolvierte eine berufsvorbereitende Ausbildung. Ferhat G. – nach Einschätzung eines Gutachters ein dominant auftretender und misstrauischer Mensch – machte eine abfällige Bemerkung. Tom H. und die Frau reagierten nicht und gingen weiter.

In Ferhat G. aber brodelte es. An der Fußgängerampel habe sich der Angeklagte extra umgedreht. Er sah Tom H., er fühlte sich durch dessen Blick provoziert, ging deshalb auf H. zu. Es sei zu einer kurzen Schubserei zwischen den beiden Männern bekommen, sagte die Richterin. Ferhat G. habe zwei leichte Schläge einstecken müssen. „Doch er wollte der Dominierende sein und bleiben, erinnerte sich nun an das Klappmesser in seiner Tasche.“

Im Prozess hatte G. erklärt, er habe in seiner Erregung mit dem Messer „zu sehr rumgefuchtelt“. Er sei völlig schockiert gewesen, als er sah, was er angerichtet hatte. Ein Lehrer, der im Prozess als Zeuge aussagte, ließ an dieser Version allerdings Zweifel aufkommen. Er berichtete von einer Diskussion in seiner Klasse. Als es um die Frage von Notwehr ging, habe G. erklärt: „Wenn ich angegriffen werde, mache ich zack, zack und steche in den Kopf.“ Dazu fuhr er mit dem Arm durch die Luft.

„Tom H. hatte keine Chance“, sagte die Richterin. Es habe kein Herumfuchteln gegeben, keine Warnung. „Es ging blitzschnell.“ So, wie Ferhat G. es drei Tage zuvor im Klassenraum demonstriert haben soll. Der in Berlin geborene Türke ließ im Prozess über seine Anwältin erklären, dass er zutiefst bedauere, Tom H. durch sein „unbedachtes Verhalten so schwer verletzt zu haben“. Er habe sich durch dessen Blicke beleidigt gefühlt.

Public-Relations-Berater Tom H. lag eine Woche im Koma. Als er erwachte, konnte er sich kaum bewegen und nicht sprechen. Wochenlang wurde er in einer Reha-Klinik behandelt und kämpfte sich zurück ins Leben. Bis heute muss er mit erheblichen Einschränkungen leben.

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