Gewalt : Braucht Berlin ein Opferschutzzentrum?

Nazi-Überfall in Lichtenberg, Prügel-Attacke auf einen Fahrgast der U-Bahn: Nach mehreren Fällen brutaler Gewalt fordern kritische Stimmen mehr Schutz für die Opfer, die bislang fast nur von Vereinen betreut werden. Wo bleibt der Staat?

BerlinDie Deutsche Polizeigewerkschaft (DPOIG) fordert die Gründung eines Opferschutzzentrums in Berlin. Damit sollten Kriminalitätsopfer eine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle erhalten, die wesentlich durch Bußgelder finanziert werden könnte, sagte DPolG-Landeschef Bodo Pfalzgraf. Hintergrund ist der Überfall von Jugendlichen auf einen 51-Jährigen, der auf einem U-Bahnhof in Schöneberg eine Mutter und deren neunjährige Tochter schützen wollte. Die Täter müssen mit einer Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung rechnen, wurden aber inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der Mann war in der Silvesternacht eingeschritten, als ein 19- und ein 17-Jähriger auf dem Bahnhof Victoria-Luise-Platz Feuerwerkskörper zündeten und damit das Kind erschreckten. Als er sie aufforderte, die Knallerei einzustellen, schlugen sie auf ihn ein. Gegen die betrunkenen Jugendlichen, die kurz darauf von der Polizei festgenommen wurden, wird weiter ermittelt. Ein ähnlicher Fall, bei dem im Dezember auf einem Münchner U-Bahnhof ein Rentner von Jugendlichen niedergeschlagen wurde, hatte bundesweit eine Debatte über das Jugendstrafrecht ausgelöst.

Gewerkschaft: Staatliche Verantwortung wird abgewälzt

Statt endlos über Jugendkriminalität zu diskutieren, müsse jetzt mit Blick auf die Opfer gehandelt werden, sagte Pfalzgraf. Es sei "unerträglich mit anzusehen, wie Politiker sich täglich durch neue Forderungen mit den Tätern beschäftigen und dabei den Opferschutz völlig vergessen". Kriminalitätsopfer würden derzeit in Berlin fast ausschließlich von gemeinnützigen Vereinen betreut. Bei der Polizei gebe es nur einige wenige überlastete Opferschutzbeauftragte. "Es ist ein Skandal, die staatliche Verantwortung fast ausschließlich auf gemeinnützige Vereine abzuwälzen", betonte Pfalzgraf. Notwendig sei ein Opferschutzzentrum unter staatlicher Regie.

In Lichtenberg hatten gestern 15 rechte Gewalttäter eine afghanische Familie während des Feuerwerks mit Schlagstöcken angegriffen und in ihr Haus gejagt. Der Staatsschutz ermittelt. Die Schlägergruppe, deren Mitglieder nach Polizeiangaben offensichtlich der rechten Szene angehören, hat gegen 1:15 Uhr eine fünfköpfige afghanische Familie angegriffen. Sie skandierten ausländerfeindliche Parolen, sagte ein Polizeisprecher. Die Familie konnte in ihre Wohnung in der Weitlingstraße flüchten.

Weitlingkiez ist Hochburg der Rechten

Verletzt wurde niemand. Die Angreifer beschädigten aber nach Polizeiangaben den Hauseingang und Fensterscheiben der Wohnung der Familie. Anschließend flüchteten sie. Der Staatsschutz ermittelt wegen schweren Landfriedensbruchs.

Der Kiez um die Weitlingstraße wird zu den Hochburgen der rechten Szene in Berlin gezählt. Dort gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Übergriffe auf Migranten und Linke. Zu den Opfern gehörte unter anderen der kurdischstämmige linken-Abgeordnete Giyasettin Sayan, der im Frühjahr 2006 nach eigenen Angaben von Rechten überfallen und verletzt wurde. Er lag mehrere Tage im Krankenhaus. (ho/mhz/ddp) 

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