Gewalt im Nahverkehr : Das Opfer fehlt im Gericht: S-Bahner leidet bis heute

Nach Streit ums Rauchen wurde der S-Bahn-Mitarbeiter die Treppe hinabgetreten. Ein 22-Jähriger sitzt jetzt wegen versuchten Mordes auf der Anklagebank

Kerstin Gehrke

Sein Opfer stürzte in hohem Bogen die Stufen hinunter. Gesehen habe er das aber nicht mehr, ließ der 22-jährige Sebastian S. gestern über seinen Verteidiger erklären. "Ich hörte so etwas wie einen Aufprall." Er sei sich der Konsequenzen seines Trittes nicht bewusst gewesen, entschuldigte er sich. Die Frau, die als Nebenklägerin mit im Saal saß, kämpfte mit den Tränen. "Das kann man nicht entschuldigen", sagte sie später auf dem Gerichtsflur. Sie ist die Ehefrau des 44-jährigen S-Bahn-Mitarbeiters, der lebensgefährlich verletzt wurde.

Triebwagenführer Bodo F. fuhr am 25. Dezember vergangenen Jahres nach Schichtende Richtung Pankow-Heinersdorf, als er im Abteil Zigarettenqualm bemerkte. Er forderte Sebastian S. auf, das Rauchen einzustellen. Nach einem kleinen Disput stieg der Mann in Uniform aus. Die Sache war für ihn erledigt. Es war kurz nach halb sieben, es war Weihnachten. Sebastian S. aber folgte ihm. "Ich war so erregt", hieß es in seiner Erklärung. Nach seiner Version kam es zu Beleidigungen und einer Rangelei. Als der S-Bahn-Mitarbeiter dann seinen Weg fortsetzte, lief er hinterher. Auf der steilen Treppe, die zum Ausgang führt, überholte er den S-Bahn-Mitarbeiter. "Ich hörte ein leises Lachen", ließ der Angeklagte vortragen. Er habe sich ausgelacht gefühlt. Da drehte er sich um und trat Bodo F. gegen den Oberkörper. Bei dem Tritt habe er die Arg- und Wehrlosigkeit seines Opfers ausgenutzt, hieß es in der Anklage. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war es versuchter Mord.

Sebastian S. war nach dem Angriff geflohen. Doch er hatte an diesem Abend nach viel Alkohol bereits Spuren hinterlassen: Erst hatte er Streit in einer Diskothek, später dann in einer anderen Bahn. Da war es um laute Musik gegangen, die er über sein Handy abgespielt hatte. Als ihn ein Polizist, der auf dem Heimweg war, vor die Tür setzte, schlug S. gegen die Scheibe und brüllte: "Hurensohn, du bist tot!" Die Fingerabdrücke brachten die Ermittler auf seine Spur. Zwei Wochen nach dem Überfall in Pankow wurde S. festgenommen.

Der Angeklagte mit fast kahl geschorenem Schädel beschäftigt die Justiz seit Jahren. Er war gerade 14 Jahre alt, als er wegen Diebstahls auffiel. Er schwänzte die Schule oder störte den Unterricht. Eine nach der 7. Klasse begonnene Ausbildung brach er ab. Immer wieder fiel er als Einbrecher auf, mehrfach schlug er im Streit zu. Etliche Verfahren endeten mit Einstellung oder einer richterlichen Weisung. Bis der Schläger im Juni 2005 zu einer Jugendstrafe von 15 Monaten verurteilt wurde.

Bodo F., das Opfer, befindet sich noch immer in einer Klinik für Rehabilitation. "Er hat Sprach- und Gedächtnisstörungen", sagte seine Frau. "Man muss abwarten." An die Tat hat er keine Erinnerung. "Ich nehme für ihn am Prozess teil." Dass er den dreist rauchenden S. ansprach, könne sie verstehen. Ihr Mann hat mit seinem Einschreiten "seine Arbeit und die seiner Kollegen verteidigt". Er habe Courage gezeigt. "Wenn das viel mehr Menschen tun würden, könnten viele Fälle verhindert werden." Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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