Gewaltexzess : Jugendliche zu Haft verurteilt, die Opfer leiden lebenslang

Nach einem Gewaltexzess wurden vier Jugendliche verurteilt. Das von ihnen angegangene Paar wird immer an den Folgen leiden, sagt der Richter. Die Frau ist bis heute arbeitsunfähig, sie traut sich kaum noch aus dem Haus.

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Mit dem Urteil kam das große Flennen. Die vier Jugendlichen senkten die Köpfe, Tränen flossen. Sie schluchzten ebenso wie ihre Eltern, die im Gerichtssaal saßen. Haftstrafen von drei Jahren bis zu fünf Jahren und sechs Monaten ergingen am Donnerstag im Prozess um den brutalen Überfall auf ein junges Paar. Nachdem sie den völlig arglosen 24-jährigen Mann bewusstlos geschlagen und getreten hatten, war ein 18-jähriger Angeklagter über die 22-jährige Frau hergefallen. Das Opfer wurde geschlagen, durch die Nacht gezerrt, immer wieder vergewaltigt. Die Frau ging durch die Hölle.

„Eine fürchterliche Tat“, sagte Richter Kai Dieckmann. Unjuristisch gesprochen, könne man von einem „Seelenmord“ sprechen. Die Jugendlichen aber hatten auf deutlich mildere Strafen und Entlassung aus der Untersuchungshaft gehofft. Ihre Verteidiger hatten entsprechende Anträge gestellt. Angesichts der verhängten Jugendstrafen kam aber eine Entlassung aus der U-Haft aus Sicht des Gerichts nicht in Frage. „Es besteht hoher Erziehungsbedarf“, hieß es. Die Staatsanwältin hatte Gefängnisstrafen von bis zu sechs Jahren beantragt.

Unbedarft und harmlos wirkten die vier Angeklagten während der Verhandlung. Milchgesichter noch, 16 bis 19 Jahre alt. Patrick W. ist der Haupttäter. Die 22-jährige Frau, eine junge Mutter aus Reinickendorf, nannte ihn im Prozess stets „Vergewaltiger“. Ein 18-jähriger Maurerlehrling, der bis zu seiner Festnahme noch bei den Eltern in Reinickendorf lebte. Er war in jener Nacht zunächst mit dem 19-jährigen Nico F. unterwegs gewesen. Sie hatten getrunken. F. hielt eine Schnapsflasche in der Hand. An einem Imbiss gab es Ärger. Sie zogen weiter, trafen auf zwei Kumpels und standen weit nach Mitternacht verärgert an einer Bushaltestelle. „Hochaggressiv“ sei die Stimmung gewesen, sagte ein Anwalt.

Gegen 3.05 Uhr sahen sie Susanne A. und Alexander W. (Namen der Opfer geändert) auf dem Wilhelmsruher Damm. Ein fremdes Pärchen, das nach einem Bowlingabend auf dem Heimweg war. Es begann mit Pöbeleien. Das Paar aber reagierte nicht. Plötzlich wurden die beiden von hinten angegriffen. Nico F. schlug mit einer Wodka-Flasche zu. Als Alexander W. am Boden lag, traten aus Sicht der Richter Nico F. sowie Tarkan R. und Reda M. auf den Mann ein. „Mit stampfenden Tritten“, sagte der Richter.

Die Frau wollte ihrem Freund helfen. Da begann ein sexueller Gewaltexzess mit W. als treibender Kraft. Susanne A. hatte keine Chance. „Sie wurde von den anderen eingekreist“, sagte der Richter. Drei Tatorte, drei Fluchtversuche, eine Vergewaltigung filmte R. auch noch. Die drei Komplizen wurden der Beihilfe zur Vergewaltigung sowie Körperverletzung schuldig gesprochen. Gegen Haupttäter W. ergingen fünfeinhalb Jahre Haft, drei Jahre und elf Monate gegen F., drei Jahre und drei Monate gegen R. sowie drei Jahre Haft gegen M.

„Beide Opfer werden möglicherweise bis ans Ende ihres Lebens unter den Folgen leiden“, sagte Dieckmann. Die Frau ist bis heute arbeitsunfähig, traut sich kaum noch aus dem Haus und kann sich nur mit Hilfe um ihr kleines Kind kümmern. „Sie hat den Glauben an die Menschheit verloren“, sagte der Nebenklage-Anwalt.

Patrick W. soll bei seiner nicht öffentlichen Aussage zu Formulierungen gegriffen haben, die nicht nur verharmlosend klangen. „Wir haben uns geküsst“, sagte er demnach. „Ich wollte vor den anderen cool dastehen.“ Es sei „sexuelle Protzerei“ gewesen. „Sein eigenes Verhalten reflektiert er nicht“, stand für die Anklägerin fest. Empathie sei bei dem Maurerlehrling nicht zu spüren. „Das einzige Mitleid, das ich bei W. gefunden habe, ist das mit sich selbst.“

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