Hayrettin Sauerland : Der Gotteskrieger vom Hermannplatz

"Der sieht doch aus wie jeder zweite hier." Er wird als Terrorist gesucht, ein Steckbrief kursiert. Doch in Berlin blieb Hayrettin Sauerland unauffällig. Wie er in den Bann der Islamisten geriet, ist unklar.

von
Hayrettin Burhan Sauerland.
Hayrettin Burhan Sauerland.Foto: US Army

Sein Foto hängt an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan und in den Kasernen der US-Armee überall auf der Welt. Doch dort, wo er angeblich bis zum Frühjahr letzten Jahres gelebt hat, kennt ihn niemand. „Nie geseh’n“, sagen der Mann in der Spielhalle, die Frau im Café, der Student im Hinterhof.

Spielhalle, Café und Hinterhof liegen an der Karl-Marx-Straße, gleich am Hermannplatz, neben dem Mietshaus, in dem Hayrettin Burhan Sauerland gewohnt haben soll, bevor er laut Bundesinnenministerium in den „Heiligen Krieg“ zog und sich im afghanisch-pakistanischen Grenzland zum „Gotteskrieger“ ausbilden ließ.

„Es gibt überall solche Idioten“, sagt der Mann in der Spielhalle und winkt desinteressiert ab: „Ich bin auch Moslem, aber Heiliger Krieg – das ist was für Fanatiker.“ Dann zählt er weiter Geldscheine.

„Der sieht doch aus wie jeder zweite hier“, sagt die 20-jährige Nazan, die vor 17 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Tatsächlich wirkt der 1987 in Berlin geborene Sauerland auf dem Foto, mit dem vor ihm gewarnt wird, jünger. „Das ist ja noch ein Milchbart“, sagt Nazan. Sie fühlt sich sicher in Neukölln, hat aber auch schon religiöse Eiferer erlebt: „Das waren vor allem arabische Jungen. Schon in der sechsten Klasse hatte ich einen Schulkameraden, der einem Mädchen ins Gesicht schlug, als diese sagte, Osama bin Laden sei ein Terrorist.“

Nazan schaut sich Sauerlands Foto noch einmal an. „Dieser Junge müsste ja jetzt im gleichen Alter sein“, sagt sie nachdenklich: „Viele junge Männer hier haben keinen Job und lungern rum. Und wenn die dann in die falschen Kreise geraten . . .“.

Fabian, der Geografie studiert und im Hinterhof neben dem mutmaßlichen Terroristen wohnt, will sich seinen Kiez nicht vermiesen lassen. „Ich wohne gern hier“, sagt er: „Und Terroristen können sich überall einnisten.“

Davon gehen auch die Sicherheitsbehörden aus. Dass besonders viele „Gotteskrieger“ aus Berlin stammen, will niemand bestätigen. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte aber im Sommer bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes für 2009 darauf hingewiesen, dass die Ausreise von Islamisten – auch aus Berlin – ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet anhalte. Ein Jahr zuvor hieß es, die Zahl der gewaltorientierten Islamisten in Berlin sei um 110 auf 430 gestiegen.

Laut Verfassungsschutz sind den „legalistischen“ islamistischen Gruppierungen in Berlin rund 3000 Personen zuzurechnen, die meisten gehören der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ an. Der orthodoxe Salafismus hatte in Berlin starken Zulauf durch einen Imam der Neuköllner Al-Nur-Moschee starken Zulauf erhalten.

Wie Hayrettin Burhan Sauerland in den Bann der Islamisten geriet, ist unklar. Er gehörte aber offenbar zu jenen Berlinern, die sich 2009 den „Deutschen Taliban Mudjahedeen“ in Pakistan anschlossen. Einer von ihnen, Danny R., wurde im Frühjahr getötet. Er war 21 und spielte, bevor er in den „Heiligen Krieg“ zog, beim BFC Alemannia in Reinickendorf Fußball. Sauerland hatte offenbar in den vergangenen Jahren überhaupt keine Kontakte mehr. Jedenfalls nicht zu den Nachbarn in Neukölln.

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben