Hermsdorf : Therapie-Patient noch in Lebensgefahr

Nach dem tragischen Ende der therapeutischen Gruppensitzung in Hermsdorf am Sonnabend will die Polizei in den kommenden Tagen acht Teilnehmer der mysteriösen Zusammenkunft als Zeugen anhören. Laut Staatsanwaltschaft wussten die Opfer nicht, welche Drogen verabreicht wurden.

Wie berichtet, waren bei der „psycholytischen Therapie“ in der Praxis des Allgemeinmediziners und Psychotherapeuten Garri R. zwei Menschen an den Folgen eines Drogenmix gestorben, zehn weitere Teilnehmer kamen mit Vergiftungen ins Krankenhaus. Von diesen Patienten sind eine Frau und sieben Männer am Montag entlassen worden und können befragt werden. Davon erhoffen sich die Ermittler exakte Hinweise auf das Vorgehen von Garri R. Dieser sitzt seit Sonntag in Untersuchungshaft. Die Ärztekammer erklärte, sie könne einem approbierten Arzt nicht verbieten, auch obskure Heil- und Therapieverfahren anzuwenden und auf sein Praxisschild zu schreiben.

Ein Teilnehmer der Gruppensitzung liegt im Dominikus-Krankenhaus noch im Koma. Er schwebt laut Klinik „nach einem Multiorganversagen“ weiter in Lebensgefahr. Der Zustand des zweiten stationär verbliebenen Patienten habe sich stabilisiert, teilte die Polizei mit.

Garri R. hatte in der Vernehmung laut Polizei eingeräumt, dass zu den von ihm verabreichten psychoaktiven Substanzen auch die Partydroge Ecstasy gehörte. Im Drogenrausch sollte es den Teilnehmern der psycholytischen Therapie leichter fallen, über ihre Ängste zu sprechen. Doch Ecstasy ist gesetzlich verboten und darf damit auch nicht medizinisch eingesetzt werden. Außerdem ist es Ärzten laut Berufsordnung untersagt, bewusstseinsverändernde Medikamente im Rahmen einer Gruppensitzung anzuwenden.

Genauere Angaben zu seinem Drogenmix machte Garri R. nach Polizeiangaben bisher nicht. Die toxikologischen Untersuchungen nach der Obduktion beider Todesopfer sollen erst kommende Woche abgeschlossen sein. Laut Staatsanwaltschaft gehen die Ermittler bislang davon aus, dass die Therapieteilnehmer „keinen Überblick hatten, welche Stoffe sie mit welcher Wirksamkeit verabreicht bekamen.“ Damit hätte Garri R. auch gegen die ärztliche Aufklärungspflicht verstoßen. Die Ärztekammer will ein Untersuchungsverfahren einleiten und gegebenenfalls den Entzug von Garri R.’s Approbation als Arzt und Psychotherapeut beantragen.

Zugleich wies die Kammer den Vorwurf zurück, sie hätte den Mediziner in der Vergangenheit unzureichend überwacht. Seit der Änderung der ärztlichen Berufsvorschriften 2005 sei es jedem niedergelassenen Arzt freigestellt, auch alternative Methoden, die nicht anerkannt sind, als „besondere Therapieverfahren“ auszuüben und aufs Praxisschild zu schreiben. „Zuvor war dies untersagt“, so Kammersprecherin Sybille Golkowski. Dagegen hätten Mediziner mit Verweis auf ihre ärztliche Therapiefreiheit geklagt und in Grundsatzurteilen Recht bekommen. Garri R. habe sogar 2006 angefragt, ob er die Zusatzbezeichnung „psycholytische Therapie“ auf sein Schild schreiben dürfe. „Wir konnten es ihm nicht verbieten.“ Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung warnt eindringlich vor den Gefahren drogengestützter psycholytischer Methoden. Die meisten dafür geeigneten Substanzen seien zudem verboten. CS

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