Integration : Im Namen der Eltern

Jugendrichterin Kirsten Heisig will Migranten für die Probleme ihrer Kinder sensibilisieren. Dazu lud sie zum erstmals zum Info-Abend ein - und sprach deutliche Worte.

Werner Kurzlechner

Die Neuköllner Richterin Kirsten Heisig hat sich einen Namen gemacht, weil sie offensiv gegen Jugendkriminalität vorgeht und Strafen nicht scheut. In ihrem Kampf gegen die Gewalt setzt sie neben Abschreckung aber auch auf Prävention. Darum sucht die Jugendrichterin jetzt das Gespräch mit Eltern aus der Migranten-Community: Gestern wollte sie sich im Neuköllner Rathaus zur Diskussion mit türkischen Müttern und Vätern treffen, am Montag will sie arabischstämmige Eltern aufklären. Heisig will auf den Informationsabenden vermitteln, wie die Eltern ein Abdriften ihrer Kinder in die Kriminalität verhindern können. „Nachdem ich lange geschimpft habe, will ich nun die Präventionsarbeit voranbringen“, so Heisig.

Dafür hat die Juristin erfolgreich die Zusammenarbeit mit zwei in der Integrationsarbeit engagierten Vereinen gesucht: dem Türkisch-Deutschen Zentrum (TDZ) und der Deutsch-Arabischen Unabhängigen Gemeinde (DAUG). „Ich hatte auf Anhieb das Gefühl, offene Türen einzurennen“, sagt Heisig. Nilgün Hascelik vom TDZ bestätigt das: „Wir unterstützen alles, was der Aufklärung dient.“ Sie hofft, dass weitere Veranstaltungen folgen: „In der türkischen Kultur spielen mit Macht ausgestattete Ämter eine besondere Rolle.“ Darum könne es durchaus einen Unterschied machen, ob eine Richterin etwas sage oder aber ein Sozialarbeiter oder Lehrer.

Mit der Autorität ihres Amtes will Heisig den Eltern ins Gewissen reden, stärker auf die Bildung ihrer Kinder zu achten. Das beginne mit einem frühzeitigen Kitabesuch, um Deutschdefizite bereits vor der Einschulung zu beheben. Später hätten die Eltern sicherzustellen, dass ihre Töchter und Söhne die Schule nicht schwänzen und Integrationsangebote auch nutzen. Gemeinsam mit TDZ und DAUG will Heisig außerdem versuchen, Hemmschwellen vor Behörden wie etwa den Jugendämtern abzubauen. Ihre Botschaft: Familien sollen sich im Zweifel Hilfe suchen, bevor ihre Kinder straffällig werden und vor Gericht landen. Die Zielgruppe seien Eltern kleiner Kinder ebenso wie Mütter und Väter von Jugendlichen, die bereits auf die schiefe Bahn geraten sind. „Wir können für jeden etwas tun“, meint die Richterin.

Kirsten Heisig ist davon überzeugt, die Neuköllner Migranten erreichen zu können: „Auf der ganzen Welt wollen Eltern, dass aus ihren Kindern später etwas wird.“ Außerdem müssten die Betroffenen eigentlich wissen, dass das Rüstzeug für beruflichen Erfolg nur in der Schule und nicht auf der Straße zu finden sei. Warum viele Eltern das Schwänzen trotzdem hinnehmen, wolle sie im Dialog selbst erst herausfinden. Ankämpfen will Heisig gegen die bei vielen Migranten ausgeprägte Haltung, Bildung sei eine rein staatliche Angelegenheit. „Die Eltern stehen ebenso in der Verantwortung“, so Heisig. „Und ich im schlimmsten Fall am Ende der Kette.“ Besonders bei den arabischen Familien sieht die Richterin Nachholbedarf. Viele türkische Mittelstandsfamilien seien gut integriert und bildungsbewusst. Mehr als zwei Fünftel der Berliner Intensivtäter stammten hingegen aus dem arabischen Raum. Werner Kurzlechner

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