Jüdischer Friedhof : Unruhe-Stätte

Umgestürzte Grabsäulen liegen auf dem Boden. Die kleine Mauer der jüdischen Familiengräber, auf der sie vorher standen, zeigt noch Spuren: heller Stein ohne Moos oder Erde – frisch abgebrochen. In der Nacht zu Donnerstag stürzten Unbekannte 33 Grabsäulen und 19 Grabplatten auf dem größten jüdischen Friedhof Europas an der Herbert-Baum-Straße um.

Liva Haensel

Bereits in der Nacht zuvor waren 30 Grabstellen beschädigt worden. Die Polizei kontrollierte den Friedhof bereits nach der ersten Tat. Donnerstagnacht um 1.15 Uhr bemerkte sie dann eine Person an der Friedhofsmauer. Obwohl die Beamten diese aufgefordert hatten, stehenzubleiben, konnte sie aber entkommen. Hundert Beamte suchten daraufhin mit Hunden und einem Hubschrauber das Gelände ab. „Ich nehme an, dass die Person ein schlechtes Gewissen hatte. Sonst wäre sie stehengeblieben“, sagte Polizeisprecher Klaus Schubert. Der polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamtes ermittelt jetzt wegen Hausfriedensbruchs.

Die Grabschändungen der beiden Tage betreffen den hinteren Teil des Friedhofs in der Nähe der Neuen Halle und der Friedhofsmauer an der Indira-Gandhi-Straße. Die beschädigten eckigen Grabsäulen umrandeten die teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Familiengräber.

Der jüdische Friedhof in Weißensee gilt als künstlerisch-architektonisches Kleinod: Seine Grabsteine mit deutschen und hebräischen Inschriften sowie den prächtigen Bauten aus der Neorenaissance wurden aufwändig von Steinmetzen und Kunstschmieden angefertigt. Auf der 42 Hektar großen Fläche fanden ab 1880 die meisten Begräbnisse von Berliner Juden statt, nachdem der Friedhof an der Schönhauser Allee für die stark wachsende Gemeinde damals zu klein geworden war.

Viele Grabsteine sind bereits verwittert und von Efeu überwachsen – ein Phänomen, das die Identifizierung von Grabschändung erschwert, weil nicht eindeutig zugeordnet werden kann, ob die Gräber einfach verwittert sind oder tatsächlich mutwillig beschädigt wurden. „Uns sind in diesem Jahr nur diese beiden Taten bekannt. Eventuell gibt es noch andere“, sagt Schubert. Doch viele Gräber verfallen oder werden nicht mehr von Angehörigen besucht. Gestern begutachtete ein Polizist mit dem Friedhofsverwalter die verwüsteten Ruhestätten. „Die umgestürzten Grabplatten und -Säulen sind in diesem Fall eindeutig zu erkennen“, sagte er.

Auf dem Friedhof sind viele prominente Berliner des 20. und 21. Jahrhunderts begraben. Neben dem Pankower Zigarettenfabrikanten Josef Garbáty fanden Paul Lasker, Sohn der Schriftstellerin Else Lasker-Schüler, sowie der Journalist Theodor Wolff und der Schriftsteller Stefan Heym hier ihre letzte Ruhestätte. 2005 appellierte die Jüdische Gemeinde an die Bundesregierung, damit die Stätte in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen werde. Sie schätzt die Restaurierung auf 40 Millionen Euro.

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