Jugendgewalt : Zivilcourage gegen Messerstecher

Es herrscht Bestürzung nach dem Angriff vor einer Weddinger Schule. Gestern wurden zwei weitere Verdächtige festgenommen.

Johannes Radke

Nach dem Messerangriff eines schulfremden Jugendlichen am Dienstagmittag herrscht an der Ernst-Schering-Oberschule (ESO) in Wedding Fassungslosigkeit. „In 30 Jahren als Lehrerin habe ich hier nie eine ähnliche Gewalttat erlebt“, sagte gestern die Lehrerin Marion Bürk. „Wir haben ein dichtes Netz an Gewaltprävention mit Schülern, die als Konfliktlotsen ausgebildet werden.“ Der Angriff habe Schüler und Lehrer überrascht. Sie fürchten jetzt um den guten Ruf der Oberschule. Ein schulfremder Angreifer hatte wie berichtet am Dienstag in einen Streit zwischen ESO-Schülern gewalttätig eingegriffen und fünf Schüler durch Messerstiche zum Teil schwer verletzt. Worum es in dem Streit ging, blieb bislang unklar. Einer der Jugendlichen musste im Krankenhaus operiert werden. Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand wurden vier der Opfer verletzt, weil sie Zivilcourage zeigen und den Messerstecher stoppen wollten.

Bereits am Dienstag wurde ein 16-jähriger Tatverdächtiger in einer Weddinger Wohnung festgenommen. Gestern wurden zwei weitere Verdächtige gefasst. Die Polizei geht inzwischen von fünf Tätern aus. Angreifer und Opfer sollen aus Familien mit Migrationshintergrund stammen. Schulleiter Hilmar Pletat glaubt, dass die vielen unterschiedlichen Nationalitäten, die im Bezirk aufeinandertreffen, ein hohes Konfliktpotenzial bergen. „Jeder Krieg der Welt hat hier in Wedding seine Spuren hinterlassen – das sorgt unter den Jugendlichen natürlich für Sprengstoff.“

Die Schule habe in den vergangenen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Bezirk und der Polizei ein vorbildliches Konzept zur Gewaltvermeidung mit klaren Regeln und respektvollem Umgang erarbeitet. Derzeit proben die ESO-Schüler für das Musical „Streets of Wedding“, in dem sie ihre Erfahrungen und Probleme im Bezirk auf der Bühne verarbeiten können. „Die Ernst-Schering-Oberschule hat ihren guten Ruf verdient. Er darf durch eine Gewalttat schulfremder Jugendlicher nicht beschädigt werden“, heißt es in einem Brief des stellvertretenden Schulleiters an alle Eltern.

„Es wäre jetzt aber ein fataler Trugschluss zu sagen, dass es komplett falsch ist einzugreifen“, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. „In so einer Situation sollte jeder das tun, was ihm im eigenen Rahmen möglich ist.“ Es müsse jedoch niemand „den Helden spielen“. Der Sprecher lobte, dass die Schüler sofort die Polizei und den Notarzt gerufen hätten. Auch die Zeugenaussagen zum Aussehen der Täter seien sehr hilfreich gewesen.

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