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Jugendkriminalität : Angetrunkener Mann von drei Mädchen überfallen

Ein 36-Jähriger sitzt am Nettelbeckplatz in Wedding, als drei Mädchen auf ihn zukommen. Eine Jugendliche fragt ihn nach einer Zigarette, als er die Frage verneint, tritt sie zu. Kurz zuvor hatten zwei andere Jugendliche einen Mann niedergestochen.

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Dunkel ist es in der Soldiner Straße, als am Dienstag kurz nach 2.30 Uhr ein Mann aus einer Kneipe stolpert. Aus dem Nieselregen stürmen zwei Jugendliche auf den 37-Jährigen zu und stechen ihn mehrfach in den Oberkörper. Dann rennen die beiden in die verregnete Nacht.

Der Polizei kann zu Motiv und Tätern noch nichts sagen, der Niedergestochene liegt im Krankenhaus. Zwei Stunden später, ebenfalls in Wedding, keine zwei Kilometer entfernt: Ein 36-Jähriger sitzt betrunken auf einer Parkbank am Nettelbeckplatz, als ihn drei Mädchen nach Zigaretten fragen. „Habe ich nicht“, antwortet er – sofort tritt ihm eines der Mädchen ins Gesicht. Der Mann geht zu Boden, die zwei Komplizinnen halten ihn fest, die drei stehlen sein Portemonnaie und verschwinden in der Dunkelheit.

Ungewöhnlich ist an beiden Fällen der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer. Offizielle Zahlen gibt es dazu zwar nicht, Polizisten berichten aber, dass jugendliche Angreifer in der Regel gleichaltrige oder manchmal auch sehr alte Opfer aussuchen. Wobei noch nicht einmal klar ist, ob die Clique vom Nettelbeckplatz juristisch schon als jugendlich gilt: Im Februar vergangenen Jahres hatte eine Mädchengang eine 42-jährige Frau in Marzahn überfallen, an einer Tramstation prügelten sie ihr Opfer ins Gleisbett. Die Täterinnen wurden schnell ermittelt – sie waren 13 Jahre alt und somit als Kinder nicht strafmündig. Zwei Monate später war eine weitere Marzahner Mädchengang auf Raubzug: Zwischen 12 und 19 Uhr griffen sie insgesamt vier Mädchen und fünf Jungen an. Einem älteren Jungen warfen sie eine Flasche an den Kopf, die Wunde musste genäht werden. Die „treibende Kraft“, sagten Zeugen, sei eine 13-Jährige gewesen.

Als Innensenator Ehrhart Körting (SPD) kürzlich die Kriminalitätsstatistik 2009 vorstellte, erklärte er, ein Viertel aller Tatverdächtigen sei im vergangenen Jahr weiblich gewesen. Das ist der höchste Anteil seit zehn Jahren. Und obwohl es insgesamt eher weniger als mehr Jugendkriminalität gibt, stieg im Jahr zuvor die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen. Unter den mutmaßlichen Tätern zwischen 14 und 18 Jahren ist fast jeder dritte weiblich.

Es gebe immer noch frauentypische Taten wie Kaufhausdiebstahl, stellte Körting fest, doch tauchten Mädchen immer öfter auch bei Gewalttaten auf – vor allem als Cliquen auf den Straßen. Viele der gewalttätigen Mädchen kämen aus Heimen oder Familien mit allein erziehenden Müttern, berichten Sozialarbeiter. Sie suchten in Gruppen Familienersatz, und fänden dort Anerkennung durch waghalsige oder brutale Taten. „Das funktioniert genauso wie bei Jungen“, sagt einer. Es hätte mit der Gleichberechtigung in diesem Fall eben nur etwas länger gedauert

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