Jugendkriminalität : Dealerkind aus Heim in der Uckermark weggelaufen

Eine Eisenbahnerin griff den jugendlichen Drogendealer nahe der polnischen Grenze auf. Jetzt ist der Elfjährige an einem geheimen Ort untergebracht.

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Der Junge war verdreckt und unterkühlt. Er muss sich die Nacht über in einer Ruine am Bahnhof Tantow versteckt haben. Dann aber fiel er einer Zugbegleiterin auf. Er soll kein Geld bei sich gehabt haben und in Richtung Stettin unterwegs gewesen sein. Der Junge war der elfjährige Drogendealer aus Berlin, der mehr als ein Dutzend Mal aus Heimen weggelaufen ist und den die Behörden gerade in der Uckermark in eines der Heime für verhaltensauffällige und delinquente Kinder des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) untergebracht hatten.

Der zuletzt am 27. Juli aufgegriffene Junge war am Sonnabend, 31. Juli, aus dem Heim in Petershagen weggerannt. Das EJF löste einen Sucheinsatz aus. Das Kind ist laut Polizei von palästinensischen Angehörigen als minderjähriger Asylbewerber nach Deutschland geschickt und als Drogendealer eingesetzt worden. Rund 13 Mal entkam er in Berlin dem Kindernotdienst. In Petershagen wurde der Junge, der angibt, elf Jahre alt – und damit strafunmündig – zu sein, in einer der beiden Einrichtungen von EJF mit insgesamt 14 Plätzen betreut.

Konnte der Jungen weglaufen, weil das Heim womöglich personell unterbesetzt war? EJF-Vorstandvorsitzender Siegfried Dreusicke verneint. „Wir haben ihm zum normalen Betreuerschlüssel sogar eine zusätzliche Kraft rund um die Uhr zur Seite gestellt.“ Die Flucht gelang dem Jungen am Sonnabendmittag. Vier Kinder waren da in der Gruppe, zwei Betreuer, und die Zusatzkraft. Die anderen Kinder bekamen Besuch von den Eltern, die kamen gerade auf den Hof, „da hat der Junge einen unbeobachteten Moment genutzt und ist ins ungemähte Feld gerannt“, sagte EJF-Jugendhilfereferentin Sigrid Jordan-Nimsch. Sofort seien fünf zusätzliche Mitarbeiter zur Suche angefordert worden.

Wie der Bürgermeister von Tantow, einer wenige Kilometer von Petershagen entfernten Gemeinde bestätigt, waren an der Suchaktion Landes- und Bundespolizei beteiligt. Funkwagenbesatzungen durchkämmten Felder und Wälder. Ein Polizeihubschrauber kreiste nachts, sagte Andreas Schwarze, stellvertretender Tantower Bürgermeister. Sonntagfrüh fiel das Kind der Zugbegleiterin auf; die Bahn-Mitarbeiter wissen von dem Heim bei Tantow und haben einen Blick für Trebegänger.

Laut EJF-Chef Dreusicke ist der Drogendealer jetzt in ein anderes Wohnheim für delinquente Kinder verlegt worden, dessen Adresse geheim gehalten wird. „Wir müssen das Kind vor seinen kriminellen erwachsenen Bezugspersonen schützen, wir befürchten Gefahr für Leib und Leben.“ Auch Jordan-Nimsch sagt, sie fürchtet angesichts dieses Familienhintergrundes um ihre Mitarbeiter. Der Junge habe derzeit einen arabisch sprechenden Sozialarbeiter an seiner Seite, der ebenso vor der Öffentlichkeit geschützt werde. Ähnliche Probleme gab es schon einmal Ende der 90er Jahre, als minderjährige Mädchen, die als Prostituierte nach Deutschland eingeschleust wurden, von ihren Hintermännern aus Heimen entführt wurden.

Laut EJF soll der untergewichtige Junge intelligent sein, die Reichweite seines Handelns aber nicht begreifen können und mit seiner jetzigen Lebenssituation völlig überfordert sein.Annette Kögel

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