Jugendkriminalität : Dealerkind will wieder weglaufen

Mindestens 15 Mal entwischte er den Behörden. Wer ist eigentlich der "elfjährige Dealer", der immer wieder die Polizei narrte? Er soll intelligent sein und ein Kuscheltier haben. Die Pädagogen versuchen, an ihn heranzukommen.

Andreas Köhler
Er wolle Geld verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Das jedenfalls habe der elfjährige Dealer, der zuletzt immer wieder der Polizei narrte und 15 Mal aus Heimen floh, seinen Betreuern erzählt. Das Bild zeigt eine gestellte Szene.
Er wolle Geld verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Das jedenfalls habe der elfjährige Dealer, der zuletzt immer wieder der...Foto: Volkmar Schulz / Keystone Presse

Er will, so schnell es geht, wieder abhauen. Er müsse dringend nach Berlin, wieder Geld verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Das sagt der Junge, der als „elfjähriger Drogendealer“ Schlagzeilen macht, all denen ganz offen, die ihn betreuen. Der Tagesspiegel hat sich von Experten beschreiben lassen, mit was für einem Menschen es Polizei und Pädagogen zu tun haben und ob es Hoffnung auf Veränderung gibt. Wo sich das Kind befindet, wurde dieser Zeitung nicht mitgeteilt. Der Ort soll zum Schutz des Jungen und der Mitarbeiter geheim gehalten werden.

Kein Kind hat die Öffentlichkeit zuletzt so in Atem gehalten wie der junge Drogendealer, der den Behörden schon mindestens 15 Mal entwischte. Der Junge wurde laut Polizei als minderjähriger unbegleiteter Asylbewerber aus dem Libanon nach Deutschland geschickt und wird seitdem infolge der Hilflosigkeit der Behörden, aber auch aus erzieherischen Gründen von einem Heim ins andere verlegt. Nach seinem letzten Versuch, aus dem Heim Petershagen in der Uckermark wegzulaufen – was ihm kurzzeitig gelang – wurde er vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) zurückgeholt. Weil damit zugleich sein Aufenthaltsort bekannt war, verlegte ihn das EJF in eine andere Einrichtung. Der Junge versteht mehr Deutsch, als er spricht. Der arabische Muttersprachler kann sich einigermaßen verständigen, per Zeichensprache und über Bilder, die er malt, sowie über Lexika. Er versteht zudem etwas Englisch. Mit den Betreuern redet er über den normalen Tagesablauf. Wenn etwas unklar ist, wird per Handy ein Übersetzer und Pädagoge aus Berlin angerufen, der 24 Stunden bereitsteht. Zwei, drei Mal die Woche fährt er auch persönlich zu ihm. In seiner Wohngruppe arbeiten zwei Betreuer, neben dem Dolmetscher ist dem Jungen ein zusätzlicher Betreuer rund um die Uhr an die Seite gestellt, auch zum Aufpassen. Der Junge, der sagt, er sei elf, hat sich im Heim ein Kuscheltier ausgesucht. Mit den anderen Kindern aus seiner Gruppe verstehe er sich gut, sie spielen Karten und Darts. Er ist untergewichtig, aber isst gut, gern Geflügel, kein Schwein. Seine Kleidung soll eher hochwertig sein.

Wenn der Junge auf seine Herkunft, seine Familie, seine Geschäfte angesprochen wird, kommen die Pädagogen nicht an ihn heran. Aussichtslos. Da soll er dann immer den Kopf senken und schweigen. Kein Wort. Er müsse unter enormem Druck durch die erwachsenen Hintermänner stehen, das ist das Gefühl derjenigen, die mit ihm zu tun haben. Sie haben Sorge um sein Leib und Leben, aber auch um das Wohl der Mitarbeiter. Es sind schon Kinderprostituierte von Männern aus Zuhälterkreisen aus Heimen entführt worden. Einmal konnte das EJF so einen Versuch vereiteln. Entführungen gab es immer dann, wenn Medien von den Aufenthaltsorten wussten und davon berichteten.

Das Einzige, was der Junge seinen Betreuern preisgibt, ist, dass er Mutter und Geschwister hat. Für sie will er so schnell wie möglich wieder Geld verdienen, sagt er. Von einem Vater ist nicht die Rede. Wie und ob er die Euro, die er mit demHeroinhandel erwarb, überhaupt in die Heimat bekommt, wissen Betreuer nicht. Auch nicht, ob und was er sich mit dem Lohn gekauft hat. Mit ihm über die Verantwortung für seine kriminellen Handlungen zu sprechen, ist den Betreuern bisher nicht gelungen. Das Kind wirke intelligent. Der Junge soll sich in keiner Weise aggressiv verhalten, soll in der Einrichtung noch nicht einmal laut geworden sein.

Die Betreuer haben nicht den Eindruck, dass er sich dümmer stellt, als er ist. Er soll die Tragweite seines Handelns nicht überblicken können, auch nicht verstehen, was Drogenabhängigkeit bedeutet, was Heroin ist, in welche Gefahr er sich durch das mehrfache Schlucken und Erbrechen der Alukugeln mit Verkaufsportionen gebracht hat. Selbst scheint das Kind keine Erfahrungen mit Drogen zu haben; Abhängigkeiten sind nicht bekannt, Einstichstellen soll er nicht haben.

Der Palästinenser soll erst seit ein paar Monaten in Berlin sein. Als er zuletzt aufgegriffen wurde, hatte er mehrere Handys bei sich. Die Pädagogen versuchen, ihn zu knacken, an ihn heranzukommen. Frauen akzeptiert er als Erziehungsberechtigte. Wenn man mit ihm über seine Familie spreche, zeige er starke Emotionen. Der Junge sei mit seiner Lebenssituation in Berlin überfordert, er habe einen Kulturschock erlitten. Er ist auch auf ein Leben im Heim nicht vorbereitet. Er hat ein eigenes Zimmer. Nachts schläft er durch. Alpträume, Zittern, so etwas soll er nicht zeigen. Nachts ist das Haus abgeschlossen, sein Zimmer aber nicht, das darf das EJF nicht. Aber eine Nachtwache halte sich ständig in unmittelbarer Nähe auf. Der Junge mit dem dunklen Haaren wirke älter, sagen die, die mit ihm zu tun gehabt haben, aber das könne auch daran liegen, dass südländische Typen aus Sicht eines Europäers oft älter aussehen. Damit eine kriminaltechnische Untersuchung das genaue Alter ermittelt, muss erst die gerichtliche Genehmigung erteilt werden, das dauert. Mit der Polizei stehen die Betreuer ständig im Kontakt. Die Pädagogen versuchen, an den Jungen heranzukommen. Sie wollen ihm helfen, zu erkennen, was er selbst will, was seine ureigensten Gefühle und Wünsche sind. Das ist bislang nicht gelungen, da macht er dicht.

Was all die, die mit dem Kind zu tun haben, sich von der Öffentlichkeit wünschen, sei Ruhe und Zurückhaltung.

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