Jugendkriminalität : Mit harter Hand gegen schwere Jungs

Anti-Gewalt-Training, schnellere Urteile: Die Konzepte gegen Jugendkriminalität zeigen offenbar Wirkung. Eine Jugendrichterin aus Nord-Neukölln sieht allerdings auch eine "extreme Brutalisierung".

Tanja Buntrock

Polizeipräsident Dieter Glietsch hat es schon vor einigen Jahren gesagt: „Die Bekämpfung der Jugendkriminalität braucht Zeit.“ Um Erfolge zu sehen, benötige man einen langen Atem. Nun ist sie, wie berichtet, auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Gesamtberliner Statistik 1991. Die Experten aus Politik, Justiz und Polizei sind sich weitgehend einig: Die Strategie der vergangenen Jahre trägt die ersehnten Früchte, das beweist die polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2008.

Zwar sei auch beim Stand von 31 861 Tatverdächtigen unter 21 Jahren jede einzelne Tat eine zu viel, heißt es bei der Polizei. „Doch wir sehen im Rückgang unsere Erfolge“, sagte ein Ermittler. Die 2003 entwickelte Strategie einer täterorientierten Ermittlungsarbeit – immer derselbe Sachbearbeiter einer Direktion kümmert sich intensiv um einen mehrfach aufgefallenen Täter – greift offenbar.

„Das aufgebaute Netzwerk zwischen Polizei und Justiz führt dazu, dass immer mehr Täter schneller verurteilt werden und im Gefängnis sitzen. Dadurch gibt es weniger Straftaten zu verzeichnen, denn die jungen Kriminellen haben Angst vor einer Haftstrafe“, sagte der Vorsitzende des Innenausschusses, Peter Trapp (CDU).

Nach vorliegenden Zahlen sitzt zudem die Hälfte der Intensivtäter in Haft. Aber auch die polizeiliche Präventionsarbeit mit regelmäßigen Anti-Gewalt-Trainings und Projekten an Schulen und die Zusammenarbeit mit Trägern von Jugendeinrichtungen habe einen großen Anteil daran, dass weniger junge Menschen kriminell werden, heißt es. Um nahezu ein Drittel von rund 8000 auf 5500 Fälle ist die Jugendgruppengewalt – also Straftaten, die von mindestens zwei Minderjährigen gemeinsam begangen werden – zurückgegangen. Allerdings seien die Zahlen noch nicht endgültig; sicher könne man aber von einem Rückgang um 20 Prozent sprechen. Dies decke sich auch mit den allgemeinen Entwicklungen bei jugendtypischen Taten wie Straßenraub und der sehr deutlichen Abnahme bei Rohheitsdelikten.

Diesen Trend kann allerdings Jugendrichterin Kirsten Heisig für ihren Bereich Nord-Neukölln nicht bestätigen. „Ich sehe keinen Rückgang der Gewalttaten und Rohheitsdelikte“, sagt die Juristin, die sich in dem Bezirk speziell um junge Täter kümmert, die auf der Schwelle zu einer kriminellen Karriere sind. Sie betont, dass es in Nord-Neukölln eine „extreme Brutalisierung“ gebe. „Dieses Merkmal erscheint aber in keiner Statistik“, sagt Heisig. So würden die jungen Täter im Gegensatz zu früher immer häufiger auf unfassbar brutale Weise mit Waffen oder anderen Gegenständen auf ihre Opfer einschlagen. Dass in Nord-Neukölln keine Verbesserung zu erkennen sei, erklärt sie so: „Aus Erfahrung weiß ich, dass die Polizei aus Gründen der Überlastung viele Anzeigen von Amts wegen gar nicht mehr aufnimmt und weniger Taten aufgeklärt werden können.“ Zum anderen würden viele Opfer oder Zeugen Gewalttaten nicht mehr anzeigen, „weil sie extreme Angst haben“, sagt Heisig. Dies zeige sich in Prozessen, wo Freunde der Angeklagten Opfer oder Zeugen einschüchterten oder bedrohten.

Innenexperte Björn Jotzo (FDP) sagte, dass die Statistik ein „erfreuliches Bild für die Stadt“ zeichnet und die Polizeikonzepte Wirkung zeigten. Mit Ausnahme der Zunahmen bei häuslicher Gewalt, Wohnungseinbrüchen, Internetkriminalität und dem Warenkreditbetrug. Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux hofft, „dass sich die positiven Ergebnisse auch auf das Leben der Bürger auswirken“. Ob die Konzepte wirklich langfristig erfolgreich sind, werde sich erst in Zukunft zeigen.

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