Jugendstrafanstalt Plötzensee : Drogen im Knast: Wenn es Nacht wird, kommen die Dealer

In Plötzensee floriert der Handel über die Gefängnismauer. Nachts fliegen Drogen, Handys, Anabolika. Den Behörden ist dies offenbar bekannt, passiert ist bisher nichts.

Tanja Buntrock

BerlinSobald es dunkel wird, herrscht Betrieb an der Mauer vor der Jugendstrafanstalt Plötzensee: Nahezu jede Nacht werfen junge Männer Pakete oder Beutel voller Drogen, Anabolika und Mobiltelefone über die Mauern der Haftanstalt. Offenbar ist dieser schwunghafte Handel seit längerem auch den zuständigen Behörden bekannt – das belegen Recherchen des ARD-Magazins „Kontraste“. Eine Reporterin hat sich mit einem Kamerateam nächtelang auf die Lauer gelegt und den Handel in einem Filmbeitrag am gestrigen Donnerstagabend dokumentiert. Erst im Februar war der Medikamentenskandal in der Berliner Haftanstalt Moabit von der RBB-Sendung „Klartext“ aufgedeckt worden.

Wenn die Dunkelheit hereinbricht, schleichen sich junge Männer durch Schrebergärten, die an die Gefängnismauer der Jugendhaftanstalt angrenzen. Sie suchen sich geeignete Lauben aus, steigen auf die Dächer und warten auf ein Signal: Wie im Fernsehbeitrag zu sehen ist, warten bereits jugendliche Häftlinge hinter den Zellengittern auf die Kuriere. Sie brüllen, winken und telefonieren – obwohl sie gar keine Handys besitzen dürfen – mit ihren Komplizen draußen vor der Mauer. In der Jugendstrafanstalt sitzen über 500 Straftäter – darunter Totschläger, Mörder, Drogenhändler und Vergewaltiger. Auch der verurteilte Mörder Ayhan Sürücü, der seine Schwester hatun Sürücü ermordet hat sowie Keith M., der den kleinen Christian aus Zehlendorf getötet hat, verbüßen hier ihre Strafen.

Die Kleingärtner wehren sich nicht - aus Angst

Das nächtliche Drogenschmuggel ritual verfolgen Schrebergartenbesitzer seit Jahren. Die Dächer ihrer Lauben benutzen die Kuriere ungefragt und treten dabei auch schon mal eine Dachrinne ab. Die Kleingärtner haben Angst, etwas dagegen zu sagen, denn sie werden von den Drogenschmugglern teilweise sogar mit dem Leben bedroht. Dies bestätigten Bewohner der Kleingartenkolonie dem Tagesspiegel gestern. Auf der anderen Seite der Mauer fehlt offenbar das Personal.

Kleingartenanlage
Die Kleingartenanlage grenzt direkt an die Gefängnismauer. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jedenfalls das Personal, die Wärter auf der anderen Seite der Mauer, unterbinden die Vollzugsbeamten den offensichtlichen Drogenhandel nicht. Obwohl sich die Laubeninhaber bereits bei der Gefängnisleitung darüber beschwert haben, ist nichts passiert.

Im Gegenteil: Eine Laubenbesitzerin erzählt in dem Beitrag, der Anstaltsleiter habe ihr gesagt, er könne dagegen nichts tun. Auch Vollzugsbeamte sind gegen dieses Treiben machtlos: In dem ARD-Beitrag berichten die Bediensteten, dass sie Angst vor den Häftlingen und deren Komplizen haben und von ihnen bedroht werden. Der nächtliche Drogenhandel ist auch in einem internen Bericht des Landeskriminalamtes (LKA) dokumentiert, den der Tagesspiegel einsehen konnte. Vor mehr als einem Monat ging der Bericht, in dem von „massenhaften Funden an Mobiltelefonen, Haschisch und Anabolika“ gesprochen wird, an die oberste Polizeibehörde und an die Senatsverwaltung für Justiz. Passiert ist offenbar nichts.

Wer die Probleme anspricht, wird vertröstet

Psychiater Werner Droll betreut Vollzugsbedienstete, die ihm von den skandalösen Zuständen in der Anstalt berichtet haben. Er habe sich mehrfach an die Justizverwaltung gewandt, an die Ex-Justizsenatorin Karin Schubert, den früheren Staatssekretär Christoph Flügge und seinen Amtsnachfolger Hasso Lieber. Doch statt etwas zu ändern, sei er jedes Mal mit dem gleichen Argument abgespeist worden: „Es sind halt doch relativ viele psychisch labile Justizvollzugsbeamte, und das sei das Hauptproblem“, erzählt Droll in dem Filmbeitrag.

Bereits im April 2007 lag der Senatsjustizverwaltung eine eigens in Auftrag gegebene Studie der Unternehmensgruppe Kienbaum Consultants vor, in der die Organisationsstrukturen in Berlins Haft.anstalten überprüft wurden. Darin wird auch auf den Drogenhandel und auf das „Pendeln in der Nacht“ verwiesen.

Was von der Nacht übrig bleibt, wird heimlich entsorgt

Die Drogenkuriere und die Häftlinge haben ein ausgeklügeltes „System“ für die Übergabe entwickelt. Die Straftäter hinter Gittern haben eine spezielle Fangvorrichtung aus einfachen Hilfsmitteln gebaut: Ein aufgetrennter Pullover dient als Schnur, eine zusammengerollte Zeitung als Stab, an dessen Spitze eine verbogene Gabel steckt. Sie greift die Schnur, an der das hereingeworfene Paket hängt. Damit wird später auch die illegale Ware in die Nachbarzellen gependelt.

Drogenpaket
An mit Klopapier beschwerten Fäden werfen die Kuriere die Drogen über den Gefängniszaun. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich



Eine andere Variante: Die Gefangenen binden einen Faden mit einer langen Schnur an mit Wasser durchtränktes Toilettenpapier. Dieses Konstrukt werfen sie über die Gefängnismauer. Die Komplizen binden ihrerseits die Ware an die mit Klopapierknäule beschwerten Fäden. Anschließend ziehen die Häftlinge die Schmuggelware wieder zurück über die Mauer bis in ihre Zellen.

Wie viel jede Nacht geschmuggelt wird, kann man anhand der Menge erahnen, die am nächsten Morgen gefunden wird: Sogenannte Irrläufer bleiben täglich im Hof liegen oder an der Gefängnismauer hängen. Allein in einer Nacht, so heißt es in dem Fernsehbericht, fanden die Bediensteten zum Beispiel sechs Handys, ein Päckchen mit über 30 Gramm Haschisch sowie eine größere Menge Anabolikatabletten. Das erzählte ein Zeuge dem ARD-Team. Doch anstatt diese Schmuggelware der Polizei zu melden, stopfen die Bediensteten Drogen und Tabletten in blaue Müllsäcke, die sie illegal entsorgen,womit sie sich strafbar machen: Das ist Strafvereitelung im Amt und illegale Arzneimittelentsorgung. Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) wollte dazu bis Redaktionsschluss dem ARD-Magazin keine Stellungnahme geben.

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