Justiz : Baby im Rinnstein: Mutter schuldunfähig

Eine 23-Jährige misshandelte ihren Sohn und legte ihn vor ein Auto; bei ihrer Festnahme behauptete sie, sie habe gar kein Kind. Nun soll sie in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Kerstin Gehrke

Nach ihrer Festnahme erklärte die Mutter, sie habe gar kein Kind. Später erhob sie Beschuldigungen gegen den Vater ihres getöteten Sohnes. Für die Richter aber gab es gestern keine Zweifel. Sabrina R. hat ihr fünfeinhalb Monate alte Baby „in einem langandauernden Gewaltausbruch“ schwer misshandelt und dann unter ein geparktes Auto gestopft. Die 23-jährige Frau, die seit Jahren an einer Schizophrenie leidet, wurde in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Das Gericht konnte nicht ausschließen, dass sie in einem akuten Anfall handelte und damit schuldunfähig war. Eine Bestrafung wegen Totschlags war deshalb nicht möglich.

Sabrina R. hörte den Richterspruch so regungslos wie sie die Aussagen von Zeugen und Gutachtern an den insgesamt elf Verhandlungstagen verfolgt hatte. Der Schlüssel zur Tat sei eine Überforderungssituation der jungen, psychisch kranken Mutter, hatte ein Psychiater gesagt. Sie habe mit dem Kind eigentlich wie im Paradies zusammenleben wollen. Doch sei ein Moment gekommen, in dem sie den Jungen als „Störenfried“ empfunden habe, der in ihr Leben eingedrungen sei und Kraft aufsauge.

Es war am 16. November 2006 um die Mittagszeit, als eine Passantin auf ihrem Weg zum S-Bahnhof in Niederschöneweide ein leises Wimmern hörte. Sie sah zwei Füßchen, die sich leicht bewegten. Das Baby lag im Rinnstein unter dem rechten Vorderreifen eines Ford. „Es war richtig festgekeilt, wie runtergerammt“, erinnerte sich die 51-jährige Zeugin. Sie zog das Kind vorsichtig hervor. Der Fahrer des Autos kam wenig später, um loszufahren. Beim Ausparken wäre das Baby vermutlich überrollt worden.

Sabrina R. war nicht zu Hause, als Spürhunde den Weg vom Fahrzeug zu ihrer nahen Wohnung fanden. Sie wurde am nächsten Tag festgenommen, als sie eine Bankfiliale um die Ecke ansteuerte. Zu dieser Zeit kämpften Ärzte um das Leben des Jungen. Ein Schädelhirntrauma wurde festgestellt, außerdem mehrere Frakturen. Auch die Wirbelsäule war gebrochen. Er starb fünf Tage später.

Die junge Mutter, eine blasse, unscheinbare Frau, lebte von Sozialhilfe. Einen Beruf hat sie nicht gelernt. Den Vater ihres Sohnes hatte sie in einer Kriseneinrichtung kennen gelernt. Die Beziehung war von Anfang an schwierig. Sabrina R. trennte sich schließlich von dem 22-Jährigen. Er soll sie geschlagen haben. Zuletzt war es vor allem ihre Mutter, die ihr half.

„Ich bin unschuldig“, sagte Sabrina R. gegen Ende des Prozesses. Es war ihr einziger Satz zu den Vorwürfen. Ihre Verteidiger hatten sich für den Fall, dass sie als Täterin angesehen wird, gegen eine Unterbringung in der Psychiatrie ausgesprochen. Aufgrund ihrer Krankheit sei die Frau aber weiter gefährlich, entschieden die Richter. Sie habe ein Feindbild gegen den Kindesvater aufgebaut. Sie könnte auch wieder Kinder bekommen. „Die wären dann in Gefahr“, sagte der Richter.

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