Justiz : Pannen in Serie: Gefängnis Tegel bleibt ohne Chef

Der Chefposten in Deutschlands größtem Gefängnis in Tegel war bereits im Januar ausgeschrieben, aber wurde nie besetzt. Der frühere Leiter war im März in den Ruhestand gegangen.

Jörn Hasselmann

Die Justiz hat mehr als sieben Monate nach der Ausschreibung keinen neuen Chef für die JVA Tegel gefunden. Seit fünf Monaten ist der Chefposten von Deutschlands größtem Gefängnis vakant, ein Nachfolger nicht in Sicht. „Es ist alles total schiefgelaufen“, verlautete aus der Verwaltung. Der gleichen Ansicht ist der Chef des Beamtenbundes, Joachim Jetschmann: Er forderte gestern eine völlige Neuausschreibung des Postens – und zwar bundesweit und mit einer Zeitungsanzeige. Die Justiz hatte die Stelle am 5. Januar diesen Jahres ausgeschrieben – und zwar nur im Berliner Amtsblatt. Die Bewerbungsfrist lief Ende Januar ab – Ende März wurde dann der alte Chef, Klaus Lange-Lehngut, nach 25 Jahren in den Ruhestand verabschiedet.

Wie Insider berichten, soll der frühere Staatssekretär Christoph Flügge im vergangenen Jahr einen Juristen aus dem eigenen Hause bereits als neuen Gefängnischef auserkoren haben. Weiter wird berichtet, dass Flügge den stellvertretenden Leiter von Tegel, Ralph Adam, angehalten haben soll, sich nicht zu bewerben. Adam ist zwar kein Jurist, sondern gelernter Sozialarbeiter, verfügt aber über viel Erfahrung in Tegel. Derzeit leitet er die JVA kommissarisch. Tatsächlich soll Adam zunächst auf eine Bewerbung verzichtet haben. Diese und andere Eigenmächtigkeiten Flügges sollen im Februar zum Bruch mit Justizsenatorin Gisela von der Aue geführt haben. Bislang war die Entlassung vor allem mit der Medikamentenaffäre in Moabit in Verbindung gebracht worden. Von der Aue hatte von einem „fehlenden persönlichen Vertrauensverhältnis“ gesprochen.

Dem Vernehmen nach wurden aber auch in den vergangenen Monaten viele formale Fehler gemacht. So sei ein Staatsanwalt, der sich neben Flügges „Wunschkandidaten“ beworben hatte, nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen worden. Die Beteiligten waren gestern nicht zu erreichen oder lehnten ein Gespräch ab. Im Juni dann wurden alle Leiter von Gefängnissen schriftlich daran erinnert, „dass die Bewerbungsfrist noch nicht abgelaufen“ sei – in der Hoffnung, dass sich so neue Bewerber finden.

Eine Justizsprecherin wollte zu dem Fall gestern keine Stellung nehmen, sie betonte aber, dass die Ausschreibung für einen derart verantwortungsvollen Posten viel Zeit benötige. Die im Januar genannte dreiwöchige Bewerbungsfrist sei „rechtlich nicht bindend“. Auswahlgespräche mit den neuen Bewerbern seien für Ende September geplant, hieß es. Wann Tegel einen neuen Chef bekommt, blieb gestern offen. Die Oppositionsparteien CDU und Grüne kritisierten die Verzögerungen als unhaltbar angesichts der großen Probleme in Tegel.

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