KaDeWe-Einbruch : Der Coup

Wurde es den Juwelendieben leichtgemacht? Oder war es am Ende das perfekte Verbrechen? Der filmreife Bruch im KaDeWe am Wochenende hinterlässt bisher vor allem eines: Ungereimtheiten.

Jörn Hasselmann,Stefan Jacobs
KaDeWe
Als wäre nichts gewesen. Das KaDeWe am Tag nach dem Millionencoup. -Foto: dpa

In ausladenden Lettern prangt der Schriftzug über dem Eingangsportal: "Goldene Zeiten" wünscht das KaDeWe seinen Kunden, ein trotziges Einkaufsfanal in krisengeplagten Zeiten. Die meisten Passanten beachten es nicht. Und wenn sie doch den Blick heben, dann nicht vor der Kaufhausfront, sondern vor der Seitenfassade, von der Ansbacher Straße aus, genau wie die Fernsehleute hier, die ihre Kameras auf und ab schwenken. Ein Rentner schaut ausgiebig. "Müsste ja wenigstens ein Fenster kaputt sein, aber man sieht gar nichts", sagt er. Auch am zweiten Arbeitstag nach dem Millionendiebstahl in Europas größtem Kaufhaus ist von außen absolut nichts Auffälliges zu erkennen. Der Mann fügt, halb im Gehen, hinzu: "Na ja, halb so wild. Zahlt ja die Versicherung."

Hier an der Ansbacher Straße sollen die Täter in der Nacht zu Sonntag ins Kaufhaus gelangt sein, und hier sind sie wohl auch wieder herausgekommen, mit Uhren und Schmuck im Wert von gut vier Millionen Euro.

Wie sie ihr Husarenstück bewerkstelligten, das macht Experten wie Polizei immer noch gleichermaßen ratlos. Als ausgemacht gilt inzwischen, dass die Juwelendiebe über umfangreiches Insiderwissen verfügt haben müssen. Denn ohne ausgezeichnete Kenntnisse der Sicherheitsanlagen sei es nicht möglich, die Alarmanlage abzuschalten, sagt der Experte Martin Winckel vom Internationalen Juwelierwarndienst, einer Institution, die deutschlandweit alle Fälle von Raub oder Einbruch bei Juwelieren dokumentiert.

Vermutlich wurde auf Bestellung gearbeitet

In den letzten beiden Jahren, verrät Winckel, habe es drei ähnlich perfekte Einbrüche in Deutschland gegeben, zwei in Nordrhein-Westfalen und einen in Baden-Württemberg. "Auch in diesen drei Fällen haben die Alarmanlagen nicht so funktioniert, wie sie sollten", sagt Winckel. Keiner der drei Fälle sei bislang aufgeklärt, verwertbare Spuren wurden nicht hinterlassen. Das "große Rätsel" in diesen nunmehr vier Fällen sei, wie die Täter die Sicherungen manipulieren konnten. Einfach per Knopfdruck lasse sich eine solche Anlage nicht ausschalten.

Im Polizeipräsidium heißt es am Dienstag, dass der "Fall aus allen Löchern stinkt". Die Tat sei nach bisherigem Kenntnisstand durch diverse Ungereimtheiten und Peinlichkeiten ermöglicht worden. Am Nachmittag gibt die Polizei eine kurze Meldung heraus, in der es heißt, dass sich die "Beamten des Landeskriminalamtes weitere Erkenntnisse über die genaue Anzahl der entwendeten Stücke" bei ihren Ermittlungen erhoffen. Der bestohlene Juwelier Christ hat bislang offensichtlich keine genaue Liste vorlegen können. "Außerdem", steht noch in der Meldung, "ist für die Fahnder von Interesse, warum bei dem Einbruch kein Alarm ausgelöst wurde." Obwohl die Ermittler inzwischen davon ausgehen, dass es sich um "mindestens drei Täter" gehandelt haben soll, bleibt ihnen am Ende nur das Fazit: "Eine heiße Spur gibt es nicht".

Nach Einschätzung von Branchenkennern wurde vermutlich auf Bestellung gearbeitet. Bekannt sei, dass in den vergangenen Jahren besonders gerne Breitling-Uhren geraubt oder gestohlen wurden, weil diese Marke in Osteuropa enorm populär ist. "Rolex geht auch immer", sagt ein Experte. Nach offiziellen Polizeiangaben wurden in der ausgeraubten Christ-Filiale neben Breitling-Uhren auch Exemplare der Marke Bell & Ross erbeutet.

Der Einbruch wurde erst 24 Stunden später entdeckt

Auf den Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras soll deutlich zu erkennen sein, dass die mit Sturmhauben maskierten Täter "ohne Hektik und Eile agieren", sagt ein Insider. Es seien gezielt bestimmte Vitrinen und Schränke geöffnet worden. Die Tat soll längstens eine Stunde gedauert haben, draußen dürfte ein Komplize die Lage beobachtet haben.

Der Einbruch wurde erst am Montag früh gegen sechs Uhr entdeckt, also etwa 24 Stunden später. Da das KaDeWe nicht am verkaufsoffenen Sonntag teilgenommen hatte, war kein Personal im Geschäft. Ob sich Wachpersonal im Gebäude aufhielt, ist weiterhin unklar; ein Insider vermutet, die Sicherheitsleute könnten unter Umständen auch "gepennt" haben. Die Bande hat deshalb nun einen Tag Vorsprung - und dürfte längst über alle Berge sein.

Die vorläufige Rekonstruktion des Tathergangs lässt unwillkürlich an Szenen aus Einbrecherfilmen wie "Rififi" oder "Ocean's Eleven" denken: Über ein Vordach an der Seitenfassade zur Ansbacher Straße sollen die Täter durch ein kleines - möglicherweise von Angestellten offengelassenes - Fenster ins Kaufhaus eingedrungen sein, wohl in das erste Stockwerk, von dort haben sie sich abgeseilt und so die Bewegungsmelder an den Rolltreppen umgangen. "Die haben sauber gearbeitet und wenig Spuren hinterlassen", hieß es bei der Polizei.

Ein schiefgegangenes Experiment

Dennoch war auch gestern noch die Spurensicherung des Landeskriminalamtes am Tatort, um DNS-Spuren zu sichern. Dass den Tätern der Anfängerfehler unterlaufen ist, Fingerabdrücke zu hinterlassen, gilt als unwahrscheinlich. DNS-Spuren dagegen hinterlässt jeder Mensch ständig. Über einen Abgleich in der Datenbank des Bundeskriminalamtes können nun mögliche Parallelen zu den sogenannten Unbekanntspuren der drei anderen Fälle erkannt - oder ausgeschlossen - werden.

Die Bande komme vermutlich - wie die meisten Juwelendiebe - aus Osteuropa, hieß es. In der Regel werben die Profis in den Städten, in denen Einbrüche als lohnenswert erachtet werden, zuvor "Residenten" an. Diese sollen den potenziellen Tatort im Detail auskundschaften, fotografieren, mit Laserentfernungsmessern kartieren - und Kontakt zu Angestellten suchen. Mit Tricks, Bargeldschmierung oder Gewalt versuchen diese örtlichen Beauftragten, Insider-Kenntnisse zu erwerben. Vorstellbar sei, dass durch Einbrüche bei KaDeWe-Mitarbeiten zuvor Schlüssel oder Codes gestohlen oder unbemerkt Kopien angefertigt wurden, um die Alarmanlagen zu deaktivieren. Ermittelt wird nun auch innerhalb der Kaufhaus-Belegschaft.

Dass Christ seinen Schauraum anders als alle anderen Luxusjuweliere nicht räumlich abgetrennt habe, sei ein "Experiment mit Risiko" gewesen, sagt Martin Winckel vom Internationalen Juwelierwarndienst. Christ habe den Laden so eingerichtet, um leichter Kundschaft anzulocken. "Das widerspricht allen Vorgaben, die Versicherer sonst machen", sagte der Experte. Andere im KaDeWe vertretene Edelmarken wie Omega, Tiffany, Cartier oder Wellendorff verschließen nach Geschäftsschluss die Eingänge mit Stahlgittern und Panzerglas. "Diese Geschäfte sind völlig autark."

Eine merkwürdige Angelegenheit meinen die Verkäuferinnen

Versichert ist Christ bei der Mannheimer Versicherung. "Wir wissen noch wenig über den Schaden", sagte Sprecher Jürgen Wörner. Am Montag seien mehrere Schadensregulierer vor Ort gewesen. Generell gelte, dass "ein ersatzpflichtiger Schaden selbstverständlich übernommen" werde, fügte er hinzu. Die konkreten Bedingungen würden "sehr individuell mit dem jeweiligen Kunden ausgehandelt".

Wer am Dienstag das KaDeWe betrat, lief vor der Christ-Filiale auf schwarze Stoffwände zu, an denen Zettel befestigt sind: "Wegen Inventur geschlossen!!!!!!" Und: "Wir sind am 28.1. wieder für Sie da!!!!!" Die Zettel sind insofern untypisch, als dass das KaDeWe seit dem Diebstahl jegliche Ausrufezeichen vermeidet. Wachleute schreiten wortlos auf und ab. Unter einer Uhr für 20.100 Euro glimmt eine rote Leuchtdiode. Nachts, wenn hier alles dunkel ist, muss sie weithin zu sehen sein. An der Decke hängen Halbkugeln, die so braun verspiegelt sind wie die Scheiben des Palastes der Republik. Kameras? Vernebelungsanlagen? Attrappen?

Die Verkäuferinnen, die bei einem der anderen Juweliere in Christ-Nachbarschaft auf Kundschaft warten, berichten am Dienstag, sie wüssten nur aus dem Frühstücksfernsehen von dem Coup. Merkwürdig sei die Angelegenheit: "Wir sind ja ein Hochsicherheitstrakt hier."

"Was will man machen?"

Im Eingangsbereich interviewt das RBB-Fernsehen einen feinen älteren Herrn, der erklärt, seine Alarmanlage zu Hause hätte so einen Einbruch nicht stumm durchgehen lassen. Eine Frau mit Pelz und großem Hut fasst den allgemeinen Erkenntnisstand vor der Kamera mit dem Satz "Was will man machen?" zusammen. Auf dem Weg nach drinnen sagt sie zu sich selbst: "Goldene Zeiten, na bitte" und verschwindet im Getümmel. Im Kaufhaus summt und brummt es wie üblich, wenn man von einer ebenfalls "wegen Inventur" gesperrten Rolltreppe absieht. Die immerhin lässt sich per Aufzug umfahren. "Unsere Ware ist elektronisch gesichert", teilt ein Aufkleber an der Fahrstuhltür mit.

Dann steht man über der Christ-Filiale im ersten Obergeschoss zwischen den Herrenhosen und kann sich wohlig schauernd vorstellen, wie das wohl sein muss, wenn man hier nachts an Seilen … aber nein, das führt nicht weiter, man fragt sich lieber beim Personal durch. In der Lippenstiftabteilung zeigen sie auf verdächtige dunkle Flecken an einer Wand über der Christ-Filiale, die ihnen vorher nie aufgefallen seien. Da muss einer mit dreckigen Schuhen hochgeklettert sein, sagen sie. Aber bisher wurde niemand zu dieser Beobachtung vernommen.

Gegenüber linst ein Verkäufer durch einen winzigen Spalt in der Stoffwand. Und? "Vitrinen mit Uhren halt, mehr sieht man nicht." Aus dem unsichtbaren Jenseits dringen Hämmern, Raspeln und manchmal ein Männerlachen. Handwerkergeräusche. "Bin gespannt, wie sich Christ ab morgen präsentiert."

Während sich die KaDeWe-Mitarbeiter in resigniertes Schweigen hüllen, plaudern zwei Kosmetikverkäuferinnen umso fröhlicher. Sie können es sich leisten, weil sie mit ihrem Stand nur kurzzeitig hier sind, als Mieter. "Inventur ist süß", sagt die eine. "Ich find's irgendwie cool", fügt die andere hinzu. "Na ja, wir wünschen ihnen Glück auf den Malediven, oder wo immer sie jetzt sind", sagt sie noch. Und überlegt einen Moment, ob sie das jetzt so stehen lassen kann. Sie tut es.

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