Kriminalstatistik : Drei Berliner Mordfälle blieben 2009 ungelöst

In Berlin werden fast alle Morde schnell gelöst. Im Fall der erwürgten Rentnerin Christa Müller soll ein Massen-DNA-Test zum Täter führen, bei der im Spandauer Forst erstochenen Kirsten Sahling ein Video.

Jörn Hasselmann

Vor genau acht Jahren war es ein Jogger, vor einem halben Jahr eine Joggerin. Beide Opfer waren gut situierte, studierte Menschen, die in einem Park Sport trieben – und dort ihren Mörder trafen. Beide Fälle ähneln sich frappierend, beide Fälle lassen die Mordkommission rätseln. Am 28. Dezember 2001 wurde Jürgen Bohm im Volkspark Wilmersdorf mit mehreren Messerstichen getötet worden, am 20. Juni dieses Jahres im Spandauer Forst die Psychologin Kirsten Sahling. Beiden Fällen gemein ist, dass die Täter ihre Opfer offenbar rein zufällig trafen und kein Motiv erkennbar ist. Das macht die Arbeit der Polizei so schwierig. Sie geht davon aus, dass es sich trotz der Parallelen um zwei verschiedene Täter handelt.

Während der Fall Bohm vermutlich nie geklärt werden kann, hegt die Polizei im Fall Sahling eine große Hoffnung: das Video, das den mutmaßlichen Mörder zeigt. „Das Video ist eine superheiße Spur“, sagt der Leiter der Mordkommissionen, Jörg Dessin. Zwar sei die Qualität der Filmsequenz lausig, Dessin ist sich aber sicher: „Wer den Täter kennt, wird ihn auf dem Film wiedererkennen.“ Die Aufnahme der Überwachungskamera des Evangelischen Johannesstifts zeigt einen ganz in Weiß gekleideten Radfahrer. Genau diese Beschreibung hatte das sterbende Opfer noch dem Passanten gegeben, der die Schwerstverletzte gefunden hatte.

Die Polizei hat das Video ins Internet gestellt. 645 Hinweise gingen bislang aus der Bevölkerung ein – aber keine echte Spur. Im Oktober, zum 40. Geburtstag seiner Frau, hatte der Ehemann einen Gedenkstein im Spandauer Forst aufgestellt, auch als Mahnung an den Täter. Der Gedenkstein, der in Wilmersdorf jahrelang an Jürgen Bohm erinnerte, ist vor einiger Zeit verschwunden.

Bei der Mordkommission in der Keithstraße ist in diesem Jahr nur ein zweiter Fall offen – der Mord an der 70-jährigen Christa Müller. Die Rentnerin war am 3. Februar in ihrer Garage in der Reinickendorfer General-Barby-Straße tot gefunden worden. Dass sie erwürgt wurde, war, wie berichtet, erst bei der Obduktion entdeckt worden. Der große Bekanntenkreis der Frau ist in den vergangenen Monaten ebenso genau wie vergeblich überprüft worden. Nun planen Staatsanwaltschaft und Polizei einen Massen-DNA-Test. Denn die allein in dem Haus lebende Müller hatte möglicherweise einen Einbrecher überrascht. Wie Kriminaldirektor Jörg Dessin sagte, sollen etwa 150 polizeibekannte Männer, die mit Einbrüchen in der Umgebung aufgefallen sind, eine DNA-Probe abgeben.

Offen ist in Berlin auch noch der Mord im Rockermilieu im August in Hohenschönhausen, dieser wird jedoch von den Spezialisten für organisierte Kriminalität bearbeitet. Im Verdacht, den Hells Angel Michael Bartelt erschossen zu haben, steht ein Mann aus Eberswalde. Der Rocker ist untergetaucht.

In Berlin werden fast alle Morde schnell gelöst, die Aufklärungsquote betrug im Vorjahr 95 Prozent, 42 von 44 Fällen wurden geklärt. Die Quote schwankte in den vergangenen zehn Jahren zwischen 85 und sogar 100 Prozent. Zahlen aus diesem Jahr werden erst im Frühjahr vorliegen. Auch der Mord an dem Rentner Gerhard K. vom 22. Dezember ist aufgeklärt. Wie berichtet, war am zweiten Weihnachtstag ein 29-Jähriger festgenommen worden, der Gerhard K. in dessen Wohnung in Steglitz erschlagen haben soll. Dem Vernehmen nach kannte der Täter den 74-Jährigen.

Da Mord nie verjährt, werden auch die Polizeiakten nie endgültig geschlossen. Wegen der immer feineren DNA-Analyse hat die Polizei vor zwei Jahren begonnen, 188 offene Fälle von Mord und Mordversuch seit 1976 noch einmal durchzusehen. 25 Fälle wurden systematisch aufgearbeitet. Bei sieben Fällen wurde an damals sichergestellten Beweisstücken von den Tatorten nun DNA gefunden und ausgewertet. Wie berichtet, konnte auf diesem Weg kürzlich ein Mord aus dem Jahr 1992 geklärt werden. Mit heutiger Technik wurde an der damaligen Mordwaffe DNA gesichert, sie gehört einem 44-Jährigen, der bereits wegen dreifachen Mordes in Tegel im Gefängnis sitzt. Erst vor wenigen Wochen hatte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) vier Millionen Euro bewilligt, um diese Aufarbeitung alter Fälle zu beschleunigen. Jörn Hasselmann

www.berlin.de/polizei/pressefahndung/mord.html

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