Kriminaltechnik : Im Polizeilabor bleiben Proben monatelang liegen

Das Berliner Landeskriminalamt kommt bei der Analyse von DNA-Proben nicht mehr hinterher. Zum Jahreswechsel waren 70 Prozent unbearbeitet. Man überlegt sogar schon, Aufträge an private Labors auszulagern.

Jörn Hasselmann

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) kommt bei der Analyse von DNA-Proben nicht mehr hinterher. Von 5850 im vergangenen Jahr in den Laboren der Kriminaltechnik (KT) abgegeben Spuren waren 4103 zum Jahreswechsel unbearbeitet, also 70 Prozent. Bei der Untersuchung von Waffen sieht es nicht besser aus, von 1815 Aufträgen wurden 68 Prozent bisher nicht bearbeitet. Erledigt wurden dagegen die knapp 15 000 Blutalkoholuntersuchungen – die nicht so aufwändig sind. Das hebt das Gesamtergebnis: Insgesamt gab es im Vorjahr 54 806 Untersuchungsanträge, von denen 9221 liegen blieben. Diese Zahlen teilte die Polizei auf Anfrage mit. „Die Belastung bei der DNA-Analytik ist erheblich“, räumte das Präsidium ein. Derzeit werde überlegt, ob die KT personell aufgestockt werden kann, oder ob DNA-Proben in privaten Laboren untersucht werden können, um den Stau abzubauen.

Wie viele von den liegen gebliebenen Proben mittlerweile bearbeitet wurden, und wie lange die durchschnittliche Wartezeit ist, kann die Polizei nach eigenen Angaben nicht sagen. Es werde nur zum Jahreswechsel gezählt, hieß es. Doch dem Tagesspiegel liegen aktuelle, interne Zahlen der Berliner KT vor, die weitaus dramatischer als die offiziellen Angaben sind. Danach liegen von 5516 unbearbeiteten DNA-Proben 3925 schon länger als vier Monate herum. Weitere 368 sind zwischen drei und vier Monaten alt. Die Zahlen sind von Ende vergangener Woche. Sehr groß sei auch der Rückstand bei der Untersuchung von Waffen und Munition. Das Präsidium wollte diese Zahlen nicht kommentieren.

Seit Jahren schiebt die Kriminaltechnik einen Stau unerledigter Proben vor sich her, Ermittler beklagen, dass die KT schon „mit den täglichen Mordfällen genug zu tun“ habe. Denn Mord und Totschlag haben bei kriminaltechnischen Untersuchungen Priorität, selbst wenn für einen Fall mehrere hundert DNA-Spuren analysiert werden. So wurde die Mörderin des Möbelhändlers Herbert Kretzer im Vorjahr überführt – 400 DNA-Analysen waren dazu erforderlich.

Zuletzt waren Personal und Technik der KT im Jahr 2003 deutlich verstärkt worden, nachdem es Streit um die Bezahlung der DNA-Analysen im spektakulären „Babyklappenmord“ gegeben hatte. Ein Neugeborenes war damals mit zahlreichen Messerstichen getötet und in der Babyklappe einer Klinik abgelegt worden. Die Justiz hatte sich geweigert, die Untersuchung der knapp 500 Proben in privaten Labors zu bezahlen, nach einer intensiven Diskussion gab es mehr Stellen und Geräte für die KT.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert nun rasche weitere personelle Verbesserungen im LKA. „Der Stau wird immer größer“, sagte BDK-Chef Rolf Kaßauer. Eine Vergabe an private Labore lehnt der BDK ab, da diese Institute die Qualität nicht garantieren könnten. Der CDU-Politiker Peter Trapp erinnerte daran, dass eine Vergabe von KT-Untersuchungen an Privatlabors auch datenschutzrechtlich problematisch sei. Denn häufig habe man es bei der Analyse mit personenbezogenen Daten zu tun.

Insider werfen der Polizei vor, die Überlastung der Kriminaltechnik zu vertuschen. So seien in der jährlichen Kriminalitätsstatistik zuletzt 2002 Angaben über Untersuchungsanträge und „unbearbeitete Vorgänge“ gemacht worden. Diese Zahlen fehlen seither. Auch die Internetseite der Berliner LKA-Abteilung KT ist auf dem Stand von Dezember 2003.

In der Berliner Kriminaltechnik sind derzeit mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigt. Im Bereich DNA vergleichen sie Tatortspuren mit den genetischen Profilen Tatverdächtiger.

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