Messerattacke : Mutmaßlicher Täter in geschlossenem Heim

Nach dem tödlichen Messerstich von Wittenau hat die Polizei den mutmaßlichen Haupttäter in einem geschlossenen Heim untergebracht. Bei der Polizei war der Jugendliche bereits häufig aufgefallen.

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Klassenkameraden und Freunde trauern um den erstochenen Cavit H. am U-Bahnhof Wittenau.
Klassenkameraden und Freunde trauern um den erstochenen Cavit H. am U-Bahnhof Wittenau.Foto: dapd

Nach einer tödlichen Messerattacke auf einen 17-Jährigen ist der 15 Jahre alte Tatverdächtige laut Polizei in einer geschlossenen Einrichtung in Brandenburg untergebracht worden.
Bei Jugendlichen seien die Voraussetzungen für die Unterbringung in Untersuchungshaft sehr streng, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Diese lägen bei dem 15-Jährigen nicht vor. So habe er beispielsweise einen festen Wohnsitz in Berlin. Die Ermittlungen gegen ihn wegen Totschlages und der Beteiligung an einer Schlägerei liefen weiter.

Offenbar können die Ermittler zur Rekonstruktion der Tat nicht auf die Aufnahmen einer Überwachungskamera am U-Bahnhof zurückgreifen, wie bild.de unter Berufung auf Staatsanwaltskreise berichtet. Demnach habe die Videokamera keine Aufnahmen speichern können, weil die angeschlossene Festplatte defekt war. Die Polizei hatte mehrere Jugendliche vorläufig festgenommen, bis auf den 15-Jährigen kamen sie wieder auf freien Fuß. Die Ermittlungen liefen weiter, sagte Steltner.

Trauer um Cavit. Am Bahnhof Wittenau gedachten am Montag vor allem junge Menschen des 17-jährigen Opfers. Freunde von Cavit legten Blumen und Kerzen ab, andere hefteten Briefe an die Wand.
Trauer um Cavit. Am Bahnhof Wittenau gedachten am Montag vor allem junge Menschen des 17-jährigen Opfers. Freunde von Cavit legten...Foto: dapd

Die Ermittler werfen dem 15-jährigen Maik R. (Name geändert) Totschlag vor. R. ist Polizei und Justiz vielfach aufgefallen, von Diebstahl und Gewaltdelikten war die Rede. Mehrere Taten soll der Jugendliche als strafunmündiges Kind begangen haben. R. wird bei der Staatsanwaltschaft nicht als Intensivtäter geführt, sei jedoch auf dem direkten Weg in die Kartei.

Der Streit zwischen zwei Jugendgruppen am U-Bahnhof Wittenau hatte bereits am Sonnabendnachmittag nach einem nichtigen Anlass begonnen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sprach am Montag von einem Schneeballwurf. Gegen 21.15 Uhr sollen sich die Beteiligten zufällig wieder getroffen haben, diesmal prallten zwei Gruppen mit insgesamt 20 Jugendlichen aufeinander. Der Konflikt wurde mit Messern und Keulen ausgetragen, außerdem soll eine Schreckschuss- und Gaspistole abgefeuert worden sein.

Wenig später lag der 17-jährige Cavit H. verblutet im Bahnhofseingang. Alle anderen Beteiligten flüchteten, neben Maik R. und dessen 17-jährigem Bruder konnten aber schnell fünf weitere Verdächtige festgenommen werden. Diese sechs Jugendlichen wurden am Montag nach einer Vernehmung wieder entlassen, gegen sie wird weiter ermittelt. Am Tatort wurde neben zwei Messern auch eine Schreckschusswaffe gefunden, die den Beteiligten noch nicht zugeordnet werden konnten. Dies sei jedoch nach der Auswertung von Fingerabdrücken und DNA-Spuren zu erwarten, hieß es am Montag. Die Lage sei unübersichtlich, es müsse nun genau geklärt werden, wer was bei dieser Schlägerei getan hat. „Es gab offenbar eine starke Gruppendynamik“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Das Opfer Cavit H. ist den Behörden bislang nur durch wenige geringfügige Delikte aufgefallen.

In Erinnerung. Ein Bild vom Opfer hängt an der Wand, auch Schmuck. Foto: dapd
In Erinnerung. Ein Bild vom Opfer hängt an der Wand, auch Schmuck. Foto: dapdFoto: dapd

Dem Vernehmen nach stritten sich Jugendliche aus dem Märkischen Viertel, das vom U- und S-Bahnhof Wittenau mit dem Bus zu erreichen ist, mit Jungen aus dem nahen Tegel-Süd, von wo aus viele ebenfalls täglich diesen Bahnhof passieren. Am Tatort soll bis Freitag tagsüber immer ein Gemüsestand aufgestellt gewesen sein, den die Betreiber wegen des Wintereinbruchs aber abgebaut hätten. Diesen Platz wollten beide Cliquen als Treffpunkt nutzen, hieß es von Kioskmitarbeitern im Bahnhof. Die für Reinickendorf zuständige Polizeidirektion berichtete, dass es in der Gegend keine festen Bandenstrukturen gebe. „Dort wurde auch kein Machtkampf ausgetragen“, hieß es. Seit Jahren werde beobachtet, dass sich Gruppen auf der Straße nur noch lose bilden, quer durch alle Nationalitäten. Auch am Sonnabend waren Deutsche, Türken und Araber beteiligt.

Am Tatort haben Freunde ein Bild des Toten in einer Klarsichtfolie an die Kachelwand geklebt. „Wir werden Dich nie vergessen, Cavit, Deine Schulklasse des OSZ Georg-Schlesinger Schule“, steht zu lesen. Auch der Tote hatte das Oberstufenzentrum für Maschinen- und Fertigungstechnik in Reinickendorf besucht. Am Montag stehen Dutzende Schüler am Bahnhofseingang, in dem Cavit H. starb. Eine Passantin kauft am Blumenstand daneben eine Rose und legt sie zu den anderen unter H.s Bild. Mit Teelichtern haben Freunde den Namenszug des Toten gebildet. „Rest in peace, Cavit, Bruder“ steht an der Wand, daneben hängt eine türkische Flagge. „Die stechen heutzutage gleich zu“, meint eine ältere Frau zu wissen, die an der Menschentraube stehen bleibt.

Sind bei Streitigkeiten von Jugendlichen Messer im Spiel, wird es gefährlich. Immer wieder kommt es vor, dass Vorfälle tödlich enden. So hatte vor wenigen Monaten ein 18-Jähriger nach einem Streit einen Mann in einer Tram in Oberschöneweide niedergestochen. Das Opfer starb, der mutmaßliche Täter wurde verhaftet. Täter und Opfer der Messerstecherei waren schon Tage zuvor aneinandergeraten. Auf einem Bahnhof sei es zwischen dem 18-Jährigen und seinem 39-jährigen Opfer zu einer „Schubserei“ gekommen, hieß es. Der 18-Jährige versuchte, nach der Tat zu fliehen, konnte aber von Passanten festgehalten werden, bis Polizisten eintrafen und ihn festnahmen.

Ein ähnlicher Fall hatte sich im Dezember 2005 ereignet. Ein damals ebenfalls 18-jähriger Berliner hatte in einem Linienbus einen ihm unbekannten Gleichaltrigen mit einem Küchenmesser erstochen. Zuvor hatte das Opfer darum gebeten, dass der spätere Täter und seine beiden Freunde aufhören sollen, ihn und seine Freundin zu belästigen. Der 18-Jährige zog daraufhin ein Messer mit 20 Zentimeter langer Klinge aus dem Rucksack und stach in den Oberkörper des jungen Mannes, der daran starb. Zwei Tage später wurde der Täter festgenommen und im Juni 2006 wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren verurteilt. Unter Polizisten heißt es angesichts solcher Erfahrungen mit bewaffneten Jugendlichen: „Messer machen Mörder.“ (mit dapd)

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