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Messerattacke : Nach Tod eines 18-Jährigen steht "Weiße Siedlung" unter Schock

Der 18-Jährige, der am Sonntag nach einem Fußballspiel in Neukölln mit einem Messer getötet wurde, war im Kiez engagiert. Das Quartier ist geschockt. Handelte der Täter aus Notwehr?

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Die Bewohner im Kiez rund um die "Weiße Siedlung" - einer Hochhaussiedlung zwischen Sonnenallee, Aronsstraße, Dieselstraße und Dammweg - sind schockiert: Der 18-jährige Bewohner Jusef El-A. war am Sonntagabend nach einer Auseinandersetzung auf einem Bolzplatz mit einem Messer tödlich verletzt worden. "Wir sind total bestürzt", sagt eine Quartiersmanagerin des "Quartiersmanagement Weiße Siedlung". Jusef El-A. sei seit vier Jahren Mitglied im Jugendbeirat des QM gewesen. "Wir haben ihn als super engagiert erlebt", schildert sie. Der Jugendbeirat sei vor einigen Jahren als "Stimme der Jugend" im Kiez eingerichtet worden. Die Mitglieder des Beirates hätten sich aktiv eingebracht, um Projekte in der Siedlung voranzubringen und das Zusammenleben im Kiez besser zu gestalten.

Wie berichtet war am Sonntagabend eine Auseinandersetzung auf einem Fußballplatz eskaliert. Ein Haupt-Tatverdächtiger ist festgenommen worden. Ob gegen ihn jedoch Haftbefehl wegen Totschlags erlassen wird, oder ob er aus Notwehr gehandelt hat und wieder frei kommt, ist derzeit noch unklar, hieß es bei der Staatsanwaltschaft am Nachmittag.

Während des Fußballspiels am Sonntag auf einem Bolzplatz im Kiez war es laut einem Ermittler zu Tätlichkeiten gekommen. Abwertende Bemerkungen fielen ("Du spielst so scheiß Pässe"), es wurde gefoult, dann gab es Schläge im Handgemenge zwischen den Spielern und Tumulte unter den Zuschauern. Auch Oliver H. (39) und sein Freund Sven N. (34) seien als Zuschauer dabei gewesen, denn Oliver H.s Sohn Kevin soll ebenfalls auf dem Platz gestanden haben. "Die Männer wollten offenbar schlichten", sagte ein Ermittler. Danach habe sich der Zorn der meist türkisch- und arabischstämmigen Spieler und Anhänger plötzlich auf sie gerichtet. Warum es plötzlich zu dem Zusammenschluss der Kontrahenten kam, ist noch unklar.

Oliver H. und sein Begleiter Sven N. sollen regelrecht geflüchtet sein vor der wütenden Menge. "Die Horde von mindestens 20 Jugendlichen hat die Männer quer durch Neukölln nach Hause verfolgt", sagt ein Ermittler. Die wütenden Jugendlichen sollen sich mit Steinen bewaffnet schließlich gegen 18 Uhr vor der Wohnung von Oliver H. in der Fritzi-Massary-Straße aufgebaut und die Männer nach draußen gerufen haben. Statt die Polizei zu rufen, ist nach jetzigen Erkenntnissen zumindest Sven N. mit einem Messer bewaffnet zu der Horde Jugendlicher auf die Straße gegangen. Nach Tagesspiegel-Informationen soll ein weiterer Bekannter des Mannes dazu gekommen sein - er hatte eine Machete dabei. In der Menge befand sich auch Jusef El-A. Noch ist unklar, wie es zu der Tat im Einzelnen kam. Fest steht: Der 18-Jährige wurde während der Auseinandersetzung mit einem Messerstich in den Oberkörper so schwer verletzt, dass er wenig später im Krankenhaus an den Folgen der schweren Verletzung starb. Auch sein 21-jähriger Freund erlitt eine Messerverletzung, sie war aber nicht lebensbedrohlich.

Oliver H., der offenbar nicht bei der tödlichen Attacke anwesend war, wurde wenig später in der Nähe vorläufig festgenommen. Doch nach der Vernehmung wurde am Montag wieder frei gelassen. Sein Freund Sven N., der nach dem Angriff geflüchtet war, hatte sich am frühen Montagmorgen selbst bei der Polizei gestellt. Er soll nach jetzigen Erkenntnissen derjenige sein, der zu gestochen hat. Doch derzeit ist noch unklar, ob es sich um Totschlag handelt, oder ob die Tat als Notwehr gewertet wird. "Dies bleibt noch abzuwarten", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Es könnte sich auch um Notwehr gehandelt haben." Sven N. ist bereits polizeibekannt und war im Jahr 2006 zu einer Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden.

Auch das Opfer, Jusef El-A. ist schon straffällig geworden: Er stand bereits wegen schweren Diebstahls 2007 vor Gericht. "Davon ist uns nichts bekannt", sagt die Mitarbeiterin des QM. "Wir alle müssen das Ganze jetzt erst einmal verarbeiten und werden dann sicherlich die Tat als Thema behandeln, weil das doch alle sehr hier im Kiez berührt."

Am Tatort in der Fritzi-Massary-Straße haben Freunde des Opfers Blumen und Kerzen an der Stelle niedergelegt, an der Jusef El-A. nach dem Stich in den Oberkörper zusammengebrochen war. Eine Nachbarin des 18-Jährigen schluchzt: "Er war ein guter Junge, ein guter Junge." Auch sie hat Blumen dabei, die sie in Gedenken an Jusef El-A. niederlegt.

Vor der Wohnung der Familie des Opfers türmen sich Schuhpaare im Hausflur. Etliche Angehörige und Freunde sind vorbei gekommen, um der Familie El-A. zu kondolieren. Die Mutter von Jusef El-A. ist nicht dabei: Sie ist nachdem sie vom Tod ihres Sohnes erfahren hat zusammengebrochen und wird in einer Klinik behandelt.

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