Missbrauch : Sextäter machten Jungen mit Alkohol gefügig

Vorbestrafte Männer aus Kreuzberg und Neukölln sollen mindestens zwölf Opfer missbraucht haben - mehr als 50 Mal. Einer der Verdächtigen ist HIV-positiv. Die Polizei geht von weiteren Fällen aus.

Tanja Buntrock

Die Rollläden, besprüht mit bunten Graffiti-Figuren, sind herunter gelassen. Das „Jayson’s“ in der Kreuzberger Eisenbahnstraße sei schon seit März geschlossen, berichten Anwohner. Hier, in dieser angeblichen „Shisha“-Bar, die in der Umgebung als Jugendtreff galt, sollen Markus E. (40) und Frank R. (42) im vorigen Sommer zwölf- bis 15-jährige Jungen sexuell missbraucht haben. Und sie sollen die Jungen gegen Bezahlung auch an andere Männer zum Sex vermittelt haben.

Die beiden Verdächtigen aus Kreuzberg und Neukölln sind nun in Untersuchungshaft: Mehr als 50 Mal sollen sie mindestens zwölf Minderjährige seit dem Sommer 2007 zum Oralsex genötigt haben. Die Liste der Tatvorwürfe ist lang. Gegen Frank R. wird außerdem wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt: Obwohl er wusste, dass er HIV infiziert ist, soll er mindestens drei der Jungen sexuell missbraucht haben.

„Ich habe mich immer schon sehr gewundert, dass ständig Kinder in der Kneipe herumsaßen“, sagt eine Nachbarin aus dem Hinterhaus. Obwohl ihr die Sache „merkwürdig vorkam“, habe sie die Polizei nicht gerufen. Darüber nachgedacht habe sie jedoch, beteuert die Frau. „Es war immer sehr laut. Einmal habe ich ein Gespräch zweier Männer mitgehört: Sie unterhielten sich darüber, wie viel Geld ein Junge in Marokko kostet“, sagt die Nachbarin.

Besonders Markus E. soll mit seiner „überzeugenden Art“ die Jungen beeinflusst haben. Sein Komplize und er gaben sich als Werbefotografen aus und lockten die Jungen damit, dass sie viel Geld verdienen könnten, wenn sie sich ablichten ließen. Die Männer forderten sogar eine Unterschrift der Eltern für die angeblichen Werbefotos. Doch die Fotos, die sie offenbar auch in den Hinterräumen der Kneipe schossen, waren nur ein Vorwand. In Wirklichkeit ging es den Männern darum, die Jungen in ihre Kreuzberger und Neuköllner Wohnungen zu locken. Dort sollen sie sie mit Alkohol gefügig gemacht und ihnen Pornofilme gezeigt haben, um ihnen die Hemmungen zu nehmen. Dann missbrauchten sie die minderjährigen Jungen – vorwiegend Deutsche aus bürgerlichem Milieu. Zum Vorgehen der Täter sagt ein Ermittler: „Die Männer drohten den Jungen damit, ihren Eltern von den Pornofilmen zu erzählen. Die Opfer schämten sich und machten das Ganze weiter mit. Zudem bekamen sie Geld dafür.“ Auch einen 15-Jährigen, der aussteigen wollte, hatten sie mit derartigen Drohungen gefügig gemacht.

Einem Nachbarn aus dem Haus, in dem Frank R. wohnt, ist es zu verdanken, dass die Taten bekannt wurden: Er hatte die Polizei im Sommer letzten Jahres gerufen, weil er sich wunderte, dass ständig Männer und Jungen in der Wohnung ein- und ausgingen. Die Polizei nahm daraufhin die Ermittlungen auf. Im Januar durchsuchten Beamte das „Jayson’s“. „Es waren zu dem Zeitpunkt aber noch nicht genügend Beweise für einen dringenden Tatverdacht vorhanden“, sagt der Ermittler.

Nach Tagesspiegel-Informationen sollen die Beamten die Männer längere Zeit telefonisch überwacht haben. Am Mittwoch dieser Woche wurden die beiden Männer dann verhaftet. Über die Anzahl weiterer Opfer und wie viele Mittäter involviert sind wollte die Polizei noch nichts sagen. Beide Hauptverdächtigen sollen einschlägig vorbestraft sein. Ob die beiden wegen Sexualstraftaten schon im Gefängnis saßen, konnte ein Justizsprecher gestern nicht sagen.

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