Misshandlung : Neun Kinder aus Wohnungen geholt

Die Kinder lebten in verwahrlosten Wohnungen - und einige wurden sogar von ihren Eltern verprügelt: Gleich neun Mädchen und Jungen hat die Polizei am Dienstag und in der Nacht zu Mittwoch in vier verschiedenen Bezirken gerettet.

Tanja Buntrock

In Wedding hatte am Dienstagnachmittag ein aufmerksamer Mieter die Polizei gerufen, weil ihm zwei verwahrlost wirkende Kinder im Hausflur aufgefallen waren. Aus der geöffneten Wohnungstür drang zudem beißender Uringeruch. Die Polizeibeamten „fanden eine völlig vernachlässigte Vierzimmerwohnung vor“, sagte ein Polizeisprecher. Schmutzwäscheberge sollen den verdreckten Fußboden bedeckt haben. Zudem hätten dort Tierfäkalien der vier Katzen und des Hundes gelegen. „Es war kein Essen vorhanden“, sagte ein Polizeisprecher. Die Beamten fanden heraus, dass die Kinder – zwei Jungen im Alter von zwei und neun Jahren sowie zwei vier und sieben Jahre alte Mädchen – von der Mutter und deren Lebensgefährten seit geraumer Zeit geschlagen worden sein sollen. Der zuständige Jugendstadtrat Rainer-Maria Fritsch (parteilos) sagte, dass die Familie dem Jugendamt „seit vor Weihnachten“ bekannt war. „Anzeichen für Misshandlungen hatte es bislang überhaupt nicht gegeben.“ Vier Stunden pro Woche soll ein Familienhelfer die Mutter unterstützt haben. „Der Zustand der Wohnung war bislang nicht so, dass die Kinder sofort herausgenommen werden müssten“, sagte Fritsch. Man sei nun mit der Mutter im Gespräch, um ihr klare Auflagen zu erteilen.

In Marzahn-Hellersdorf meldete sich dann eine Kita-Mitarbeiterin bei der Polizei: Ein Mädchen, 2, und ein Junge, 5, waren nicht von der Mutter abgeholt worden. Diese erschien erst zwei Stunden später – und zwar betrunken. Laut Polizei habe sie ausgesagt, dass eigentlich ein Bekannter die Kinder abholen sollte.

Dienstag gegen 22 Uhr suchte ein 13-jähriger Junge Schutz in einer Kneipe in Treptow-Köpenick. Laut Polizei sei das Kind zuvor – wie schon häufiger – von seinen Eltern geschlagen worden. Ein Arzt behandelte den Jungen, bevor auch er von der Polizei zum Kindernotdienst gebracht wurde. Um kurz nach Mitternacht riefen Anwohner in Lichtenberg die Polizei, weil eine 26-jährige Mieterin im Hausflur randalierte. Die betrunkene Frau hatte versucht, ihre Tür zu öffnen und dabei den Schlüssel abgebrochen. Ihre beiden Kinder – ein Mädchen, 4, und ein Junge, 6, – waren in der Wohnung eingesperrt. Laut Polizei waren auch hier die drei Zimmer dreckig und wenig kindgerecht.

Wie viele Fälle von Misshandlung und Vernachlässigung Minderjähriger es seit Jahresbeginn gab, konnte die Polizei nicht sagen; jetzt wird die Statistik für 2008 ausgewertet. 2007 wurden 785 Vernachlässigungen und 634 Misshandlungen gezählt. Die Polizei begrüßt, dass die Parlamentarier nach der Sommerpause Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht machen wollen. „So können Kinder gerettet werden, die sonst im Dschungel der Bürokratie untergehen“, sagt ein Beamter. Aufmerksame Bürger können sich an die Polizei oder die „Hotline Kinderschutz“ mit der Nummer 61 00 66 wenden.

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