Polizei & Justiz : Mord in der Charité: Oberarzt traute Vorwürfen nicht Mediziner sagte als Zeuge im Prozess aus

Er ignorierte die Gerüchte über die Schwester

Kerstin Gehrke

Tränen bei der Angeklagten. Das überraschte. Schließlich hatte die 54-jährige Irene B. an den vorangegangenen Prozesstagen kaum Emotionen gezeigt, wirkte eher kühl und distanziert. Nun senkte sie den Kopf und wischte sich die Augen trocken. Es war die Aussage eines Oberarztes, die sie derart berührte. Er hatte sie gerade als eine derjenigen Pflegekräfte gelobt, mit denen er „sachlich und konstruktiv“ Gespräche zum Thema Ethik in der Medizin, über Lebensverlängerung und Leiden führen konnte.

Im Prozess gegen die ehemalige Krankenschwester der kardiologischen Intensivstation der Charité, die sich wegen Mordes und Mordversuchs an Patienten verantworten muss, mussten gestern erneut damalige Kollegen der Angeklagten Rede und Antwort stehen. „Welchen Eindruck hatten Sie von Frau B.?“, wollten die Richter auch von dem 41-jährigen Oberarzt wissen. Der Zeuge, der in Begleitung eines Rechtsbeistands war, überlegte nicht lange. „Medizinisch-fachlich musste ich mich nie beklagen“, sagte er. „Sie half, wo sie konnte.“ Er erinnerte sich auch an mehrere Fälle, bei denen sie „vorbildlich Angehörige Sterbender betreut hat“.

Pfleger und Krankenschwestern hatten im Prozess hingegen von Ruppigkeiten ihrer einstigen Kollegin gegenüber Patienten berichtet. Der Oberarzt sagte, er habe im Sommer vorigen Jahres von solchen Vorwürfen gehört. Doch die Sache sei für ihn „weder prüf- noch belastbar“ gewesen. In einem Fall hätten zwei Kollegen einen Rückzieher gemacht und es vorgezogen, anonym zu bleiben. Als er am 27. September 2006 von dem Mordverdacht hörte, hielt er diesen zunächst für „absolut unberechtigt“. Die Krankenschwester soll sechs schwer kranke Menschen im Alter von 48 bis 77 Jahren jeweils mit einer Medikamentenüberdosis getötet haben. Die Anklage geht davon aus, dass zwei weitere Patienten die Giftspritze überlebten. Vier Tötungen hat Irene B. im Prozess gestanden.

Bereits Mitte August hatte ein Krankenpfleger Verdächtiges vor dem Tod eines Patienten bemerkt, um den sich Irene B. gekümmert hatte. Er sicherte eine Ampulle aus einem Papierkorb und vertraute sich kurz darauf zwei Kollegen an. Erst Ende September sprach einer dieser Pfleger mit einem Arzt über den Verdacht. Die Ampulle sei für ihn kein Beweis gewesen, sagte der Oberarzt. Sie hätte auch von der Behandlung eines anderen Patienten stammen können.

„In der Gesamtschau hatte es für mich die Priorität Gerücht“, erklärte der Oberarzt. Mit anderen Ärzten der Station habe man sich geeinigt, den Chefarzt entsprechend zu unterrichten. Er habe bereits in einer anderen Klinik einen Fall erlebt, der sich später in Luft auflöste. „Es kam nach meiner damaligen Einschätzung aber nicht auf ein oder zwei Tage an.“ Fünf Tage später setzte Irene B. ihre letzte Todesspritze. Der Prozess wird am 15. Juni fortgesetzt.

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